28. Dezember 2017

Falschmeldung: Zeitung wirft ein Radweg-Problem auf, das gar keines ist

"Degerlocher sorgen sich vor Rückstaus." Und zwar, weil der Gehweg der Neuen Weinsteige für Radfahrer freigegeben werden soll? Wie kann das sein?

Unter diesem irreführenden Titel schreibt jedenfalls die Stuttgarter Zeitung am 27.12.17, für 2 Millionen Euro solle eine Panoramaradweg an der Neuen Weinsteige gebaut werden. Huch? Ist uns da was raus? Der Autor hat dazu auch schon mal Degerlocher Bezirksbeiräte befragt, die sich prompt Sorgen machen, den Autos könne Platz weggenommen werden. Auf einen Leserbrief von Blogleser Florian hin, wurden die 2 Millionen heute aus dem Untertitel  herausgenommen, denn knapp so viel kostet die Sanierung der Stützmauer. Der Grundfehler aber bleibt.

Denn schön wär's, es würde ein Panoramaradweg entlang der Neuen Weinsteige gebaut, der schönsten Straße Stuttgarts, die ganz und gar den Autos gehört. Aber der wird nicht gebaut. Das war auch im Oktober schon falsch, als die Stuttgarter Zeitung Radfahrenden Hoffnung auf einen Radweg entlang der Neuen Weinsteige machte. Hier wird lediglich ein Gehweg für Fußgänger hergerichtet und zum Radfahren freigegeben. Und das ist kein RadwegDie Wahrheit ist:
Parkplatznot? Nein: Fußgängernot! 
Die Stützmauer an der Weinsteige muss saniert werden, für 1,9 Millionen Euro, wie der Autor weiter unten dann auch schreibt. Dabei macht man den Fußweg an bestimmten Stellen etwas breiter und zwar über die Stützmauer hinaus (Pläne hier). Im Klartext: Man baut teure Vorkragungen, wo Parkplätze für Anwohner der Weinsteige erhalten werden sollen, die sie übrigens kostenlos nutzen dürfen. Weil die Parkplätze entlang der Weinsteige nichts kosten, stehen dort derzeit oft reine Werbe-Fahrzeuge und Autos mit auswärtigen Kennzeichen. Weit mehr als die Hälfte der Parkbuchten ist jedoch leer. Die Verwaltung hat wochenlang gezählt, wie viele Autos tatsächlich in den Parkbuchten stehen (die Werbefahrzeuge und BB-Kennzeichen abgezogen), und sie wird auch noch mit den Anwohner/innen reden, was gebraucht wird. Das ist übrigens sehr nett von uns allen - der gesamten Stadtgesellschaft -, dass wir den Anwohnern hier die ausnehmend teuren Parkplätze bezahlen.

Die Baumaßnahmen wurden im Bezirksbeirat Süd, zu dem die Neue Weinsteige gehört, ausführlich vorgestellt und diskutiert. Leider erweckt der Zeitungsbericht den Eindruck, als wurstle die Stadtverwaltung blind vor sich hin, schaffe alle Parkplätze ab, rede mit niemandem und habe sich auch gar keine Gedanken über den Autoverkehr auf der Neuen Weinsteige gemacht. Das ist unfair der Verwaltung gegenüber. Mit diesem Halb- und Falschwissen dann die Bezirkspolitiker/innen abzufragen, die teils das Projekt auch nicht so genau kennen, weil es ja nicht in den Bereich Degerloch fällt, ist auch nicht fair. So erzeugt man den Reflex, bei dem Begriff "Panoramaradweg" augenblicklich in Sorgen zu verfallen, der Autoverkehr könne einen Zentimeter Raum verlieren. Und wenn es so wäre? Es wird langsam Zeit in Stuttgart, dass umwelfreundliche Verkehrsarten wirklich mehr Raum den Autos gegenüber bekommen.

Der Artikel klingt so, als würde hier eine notwendige Sanierung skandalisiert, weil für Radfahrer etwas dabei abfällt. Der Skandal liegt derzeit ganz woanders: Eigentlich müsste das Parken an der Neuen Weinsteige sofort komplett verboten werden, weil die Autos auf dem Gehweg stehen und Fußgänger nicht durchkommen. Die müssen (samt Kinderwagen und Rollstühlen) auf die Fahrbahn der neuen Weinsteige ausweichen, falls sie da hoch möchten. Deshalb geht da auch niemand. Das Gehwegparken und die Komplettbehinderung von Fußgängern durch falsch parkende Autos ist hier der eigentliche Skandal.

Es ist hingegen sehr nett und umsichtig von der Stadtverwaltung, dass man aufwändig Parkplätze baut, damit die Anwohner ohne Garage ihre Autos vor der Haustür abstellen können. Muss das eigentlich sein? Diese Frage könnte sich die Presse ja auch mal stellen. 

Wem gehört der Gehweg? Wem die Fahrbahn?
Hohenheimer Str./Neue Weinsteige
Die Neue Weinsteige gehört nicht nur Autofahrern, bemerkt in dem Zeitungsartikel grüne Bezirksbeirat Michael Huppenbauer. Recht hat er. Tatsächlich aber bleibt sie vollständig im Besitz von Autofahrern. Für sie baut man sogar noch teure Parkplätze. Dass der Gehweg nach der Sanierung endlich tatsächlich von Fußgängern begangen werden kann und auch noch so breit wird, dass man ihn für Radfahrer freigeben kann (bedeutet Schrittgeschwindigkeit und ist kein Radweg!),  ist ein gutes und schönes Nebenprodukt einer notwendigen Autostraßensanierung. Wer nicht auf der Fahrbahn hochradeln will, kann dann den Gehweg benutzen. Dann sehen wir auch, wir viele Radler da überhaupt hoch fahren, wenn es besser geht als bisher. Und vielleicht kommt er ja dann eines Tages doch noch, der Panoramaradweg Neue Weinsteige.

Zu Verkehrsbehinderungen wird es allerdings während der Sanierung durchaus kommen, denn man braucht für die Bauarbeiten eine Fahrspur der Neuen Weinsteige. Diese Bauarbeiten sind unumgänglich, sie geschehen, um den Autoverkehr dort sicherzustellen, und haben nichts mit einem Radweg zu tun. Dabei können wir dann mal schauen, ob die Rückstaus, wohin auch immer, wirklich so entsetzlich werden. Denn tatsächlich ist die Neue Weinsteige die meiste Zeit des Tages eine freie Strecke, die mit einer einzigen Fahrspur in jeder Richtung auskäme.


Kommentare:

  1. Ein ähnlicher Artikel war auch in StN. Schade, da ist unserer Lokalpresse wohl eine Recherche daneben gegangen. Man muss ihnen trotzdem zugute halten, das sie sich inzwischen mit dem Thema Radverkehr beschäftigen und auch hin und wieder darüber berichten. Auch beim luftdaten.info Projekt zur Kartierung der Belastung mit Feinstaub sind sie inzwischen recht aktiv. Mein Eindruck ist, es bewegt sich was bei der Lokalpresse. Auch wenn es dieses Mal in die Hose ging.

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  2. Über die Qualität des Zeitungsartikels schreibe ich besser nichts, sonst gerate ich am Ende noch ins Fahrwasser der 'Lugenpresse'-Krakeeler. Ist halt schlecht recherchiert. Punkt. Was den Umbau selbst angeht, so freue ich mich darüber als Radfahrer trotzdem. Wenn der Fußweg, auf dem auch künftig eher punktuell mal Betrieb herrschen wird fertig ist, wird die Weinstein vielleicht wenigstens zu einer radeln Arena Variante nach Degerloch. Wenn im Wald - wie zur Zeit - wegen Forstarbeiten alles weich und matschig ist.

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  3. Oh, hurra Autokorrektur: Was sagt uns das, wenn statt 'Weinsteige' lieber auf 'Weinstein' korrigiert wird? Tut mir leid...

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  4. Schade, ich hatte mich schon auf die Panoramastrecke gefreut. Übrigens: wieviele Parkplätze werden denn mit den 1,9 Mio erhalten? Vielleicht 40, dann sind es rund 50T je Parkplatz. Dann müsste die Parkplatzgebühr mindestens 5T im Jahr kosten. Es ist also längst Zeit, das Anwohnerparken zu verteuern!

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    1. Es werden sehr viel weniger Parkplätze erhalten als derzeit da sind, genau kann ich das nicht sagen, weil auch die Stadt noch zählt. Ungefähr ein Viertel wird es dann noch geben. Parkplätze müssten Autofahrern ohnehin mit rund 9.000 Euro im Jahr berechnet werden (dazu demnächst ein Post), hier sieht man aber, wie teuer es wird,damit ein paar Anwohner parken können. Übrigens macht die StZ gerade so weiter mit dem Skandalisieren. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.reaktionen-auf-den-radweg-an-der-neuen-weinsteige-befuerworter-und-gegner-diskutieren-plan-der-stadt.33e5e900-cf02-4c2b-aaf2-474d7011b295.html

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  5. Naja, einige Facebook Postings sind schon witzig. Etwa der, das Radfahrer keine Steuern zahlen. Könnte dies Mal jemand dem Stuttgarter Finanzamt klarmachen? Dann würde ich ne Menge Geld sparen...

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    1. Das ist das Standardargument, komischerweise und zeigt, dass Autofahrer meinen, nur wer ein Auto hat, zahlt Steuern, alles andere lebt von Harzvier oder so. Habe ich auf meinem Facebookaccount anfangs auch sehr oft als Kommentar gehabt. Aber die, die dort regelmäßig gegen Radler hetzen haben es jetzt kapiert. Ist auch was wert, wenn man sich die Mühe macht, ihnen zu antworten.

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