21. Dezember 2017

Verpackt statt abgeschleppt

Eine Aktion hat große Aufmerksamkeit und ein riesiges Medienecho erzeugt. 

In der Nacht von Sonntag auf Montag haben Anwohner aus dem Lehenviertel vier Fahrzeuge verpackt, die so eng auf Ecken geparkt waren, dass man mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rolator nicht mehr durch kam.

Ich habe hier im Blog am Montag darüber berichtet. Seitdem stand mein Telefon (und das der Einpack-Atkeure) nicht mehr still. Das Interesse der Medien war in ganz Deutschland und sogar im Ausland riesengroß. Zuletzt erschienen ein großer Artikel in der Stuttgarter Zeitung.
Angefangen bei Spiegel online und Bild Stuttgart, über Mediengruppen, die diverse Zeitungen abdecken, N24, Stuttgarter Zeitung und Nachrichten bis hin zum SWR in Hörfunk und Fernsehen (Links siehe unten), alle waren fasziniert von den Bildern und der Aktion, die mit einem Augenzwinkern auf ein ernstes Problem aufmerksam gemacht hat, das Eckenparken. Es ist verboten, wird aber massiv gemacht, wenn Parkplatznot herrscht. Doch die Eckenparker blockieren die Wege der Kinder zur Schule, für Eltern mit Kinderwagen und für behinderte Menschen. Sie kommen an den Ecken nicht mehr über die Straße. Ja, die Parkplatznot in den Wohnviertel von Stuttgart Süd und West ist groß. Es git zu viele Autos, die nachts keinen Platz mehr finden. Da muss eine Lösung her.

Während die Tiefgaragen von Supermärkten oder Schulparkplatze nachts leer stehen, verzweifeln die Autofahrer auf Parkplatzsuche. Warum nicht solche Geragen und Parkplätze nachts frei geben? 

Rigoros Abschleppen wird zwar von Fußgängern immer wieder gefordert, ist aber auch keine Lösung. Vor allem sehr hart für Autofahrende, die morgens zu ihrem Auto gehen, um zur Arbeit zu fahren, und es nicht mehr vorfinden. Einpacken ist immer noch besser gewesen als abschleppen lassen, um einen Denkprozess und eine Diskussion in der Stadtgesellschaft anzuregen, ob der Autoverkehr so extrem zulasten Menschen gehen darf, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Ich meine nein. Es schadet vor allem unseren Kindern und es begrenzt das Leben alter und behinderter Menschen.

Am Donnerstag hat das SWR Fernsehen mit dem Sprecher von Zweirat Stuttgart, Thijs Lucas, das Thema aufgenommen und im Lehenviertel gedreht, und auch mit Anwohnern (Autofahrer/innen wie Fußgänger/innen) gesprochen. Einige gab es, die sich den Dreh angeschaut und das Team wüst beschimpft haben. Die meisten aber waren froh, dass sich man jemand um das Thema kümmert. Während morgens im Lehen die Autos starten und an der Ecke zum Bäcker gleich wieder die Ecken zuparken, sind Eltern mit ihren kleinen Kindern zur Kita oder zur Schule unterwegs. Der SWR hat dann auch sein Auto verpacken lassen, damit man sieht, wie das ging. Der Beitrag lief am Samstag, 23. Dezember. Hier der Link zum Clip.

Eckenparker machen echt Probleme:
Zum Beispiel für dieses Gespann - der Vater bringt seinen Sohn oder seine Tochter zur Kita oder Schule - ist die Situation schwierig. Beide wirken sehr routiniert. Sie machen den Weg offensichtlich jeden Morgen und schlängeln sich durch die geparkten Fahrzeuge, mal auch ein Stück über die Straße, weil der Gehweg auf der anderen Seite nicht zugänglich ist, bis sie wieder einen Aufgang zum Gehweg finden. Kinder unter acht Jahren müssen eigentlich auf dem Gehweg radeln, Eltern dürfen sie dort begleiten. Diese Regelung gilt seit einem Jahr. Und obgleich diesen Weg Kinder auch allein machen könnten, lassen Eltern das nur ungern zu, weil sie nicht wissen, wie die Situation an den Gehwegecken ist.

Wie vorsichtig man sich zwischen so geparkten Autos zur Fahrbahn vortasten muss, zeigt diese Mutter mit ihren Kindern auf kleinen Kinderrollern. Sie können nicht nebeneinander gehen, sie müssen sich hintereinander zwischen den Stoßstangen durchschlängeln, bis sie so stehen, dass sie sehen können, ob Autos von rechts oben kommen. Kinder können nicht  über die Autodächer hinweg sehen. Sie werden diesen Weg noch lange nicht alleine gehen dürfen. Obgleich Kinder doch so mächtig stolz darauf sind, Alltagswege alleine bewältigen zu können.


Links zu den Medien, die berichtet haben:
SWR BW Aktuell, 23.12.2017
Bild-Zeitung
Spiegel-online
Stuttgarter Zeitung 19. 12.
Stuttgarter Zeitung 21. 12.
Stuttgarter Nachrichten 19.12.
Stuttgarter Nachrichten 21.12. 2017
Südwestpresse
Schwäbischen Zeitung
Schwäbische.de
tagblatt (Schwäbisches Tagblatt: Reutlingen, Tübingen, Rottenburg, Mössingen)
Tag24
Frankfurter Rundschau
Berliner Morgenpost (Funke-Mediengruppe) + ikzWAZ
Neue Westphälische
DerWesten
Göttinger Tagblatt
Neue Osnabrücker Zeitung
Pirmasenser Zeitung
OVB Heimatzeitungen
ShortNews
ZDF heute/Facebook (Fotovideo)
Retter.TV (dasselbe Fotovideo)
Regio TV
Thüringen 24,
N24
News38
Radio 107.7
Deutschlandfunk Nova
Stern
tag24
urbanshit.de
edison.handelsblatt
Heiße Nachrichten (Youtube, Fotobericht)
Trendy One.de
press24.net (News-Sammler)
A1.AM
Kraftfuttermischwerk.de
Männersache.de
Short News (für die wurde nur ein einziges Auto verpackt, aber gut ...)

Und das Thema haben noch mal aufgegriffen:
Regio.TV (10.1.2018)
SWR "Zur Sache Baden-Württemberg" (11.1.2018)

Ausland:
Luxemburg: L'essentiel Mobile
Schweiz: Bluewin (Swisscom, Zürich)
Lateinamerika, Kolumbien, Venezuela etc.: Telocuentonews

Und natürlich Radfahren in Stuttgart
Siehe auch: Falsch geparkt, aber schön verpackt, eine Nikolausation der Critical Mass Stuttgart, 2015


Kommentare:

  1. "Rigoros Abschleppen wird zwar von Fußgängern immer wieder gefordert, ist aber auch keine Lösung. Vor allem sehr hart für Autofahrende, die morgens zu ihrem Auto gehen, um zur Arbeit zu fahren, und es nicht mehr vorfinden."

    Wieso soll das keine Lösung sein? Wer Abends sein Auto im Halteverbot abstellt (wozu auch Kurven, 5m vor Zebrastreifen, etc. gehören) merkt sich das das nächste Mal hoffentlich. Man kann nun mal sein Auto nicht so hinstellen, dass Dritte behindert oder gefährdet werden. Wer das nur über den Geldbeutel lernen will statt in der Fahrschule soll das tun. Aber dann nicht jammern.

    Über Jahrzehnte hinweg wurde gegenüber Falschparkern immer mehr Rücksicht geübt, bis es zu den jetzigen Zuständen kam. Jetzt ist der Punkt, wo keine Rücksicht von Betroffenen mehr gefordert werden kann, sondern Durchgreifen.
    Martin

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    1. Vielen Dank lieber Martin, das sehe ich genauso wie Du. Es gibt kein Grundrecht auf Parkplatz im öffentlichen Raum, die Regeln sind dazu da das wir und unsere Kinder problemlos und sicher durch die Stadt kommen. Es ist Aufgabe es Ordnungsamtes das einhalten der Regeln zu überwachen. Diese Aktion zeigt nur, daß das Ordnungsamt seinen Job nicht macht.

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    2. Lieber Martin, ja schon. Es ist mehr ein Hinweis von mir, dass es albern ist, die Einpackaktion zu skandalisieren. Abschlöppen wäre richtig hart. Vielleicht muss das auch sein. Allerdings wird das zur Wahnsinnsaktion bei einem Dutzend zugeparkter Ecken allein Im Lehen.

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    3. Christine, wie ich schon das letzte Mal schrieb: Bei uns hat das Ordnungsamt eine Woche lang jeden morgen die Falschparker, welche Fußgänger und Radfahrer gefährdeten, gnadenlos abgeschleppt. Da kamen jeden Morgen drei Abschlepper und sind jeweils zwei, dreimal gefahren. Nach dieser Woche war gut.

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  2. War und ist halt ´ne super Aktion. Fahrende und rasende Autos sind ein kleiners Problem im Vergleich zu den parkenden und den Rest der Welt behindernden Autos. Herzlichen Dank an die Macher der Aktion. Super. Und das Medienecho ist ebenfalls formidabel :-) Großartig.

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  3. "Fahrende und rasende Autos sind ein kleiners Problem im Vergleich zu den parkenden und den Rest der Welt behindernden Autos."

    Also von fahrenden und rasenden Autos geht jetzt aber schon ein wenig mehr Gefahr aus, als von dümmlich vor sich rumstehenden.

    Thomas

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    1. Ich will mich nicht mit dir streiten, denn wenn wir uns beim Kaffee unterhalten, kommen wir ohnehin zu einer gemeinsamen Auffassung. Was ich aber dennoch sagen will: Fahrbahnen sind keine Parkflächen. Wenn die Dreckskarren nicht alle Straßen links und rechts zumüllen würden, hätten wir alle - sowohl Rad- als auch Autofahrer - eine Fahrbahn zum Fahren zur Verfügung. So aber gibt es praktisch aufgrund des so gennnanten ruhenden Verkehrs nur noch minimalisierte Fahrbahnen. Dann sollte man sie aber in den Verkehrswissenschaften anders benennen, nämlich Parklinien anstatt Fahrbahnen. Die über´s Eck parkenden Karren bilden nur einen Aspekt der Fahrbahnbenutzungsverhinderung.

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    2. Zitat:"als von dümmlich vor sich rumstehenden" bis die Feuerwehr nicht mehr zum Brandort kommt oder Rettungswagen nicht rechtzeitig beim Hilfebedürftigen eintrifft. Eines ist doch klar: Es gibt mehr Autos als Parkraum. Die Städte sind nicht gewillt, das zu ändern.

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    3. Innerstädtisch gibt es faktisch eine verkehrspseudowissenschaftliche Umwidmung vom Straßen- zum Abstellraumraum. Ich wäre jedenfalls sehr froh, wenn ich Straßen als Straßen benutzen könnte. Es sind außerhalb der Hauptautostraßen faktisch jedoch nur Parkräume, die eine Restfläche für Verkehr übrig lassen. Und um den sollen sich dann alle Verkehrsteilnehmer streiten? Absurd.

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  4. Man sollte das Problem mal aus verschiedenen Blickrichtungen beleuchten.
    Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer sind alle Verkehr. Alle wollen von A nach B. Fußgänger sind da die "Unproblematischsten"; sie haben kein Fahrzeug und brauchen keinen Abstellplatz.
    Radfahrer und Autofahrer brauchen einen Abstellplatz. Radfahrer weniger Fläche als Autofahrer.
    Unsere Gesellschaft hat sich nunmal mit dem Auto entwickelt. Das Auto ist Wirtschaftsfaktor, und vor allem kein kleiner. Man hat allerdings schon vor langer Zeit versäumt, dieser "Autogesellschaft" auch Genüge zu tun. Da man nicht genügend Parkraum "geschaffen" hat, hat sich das Auto seinen Platz halt "erobert". Dass man nicht jeden Meter mit dem Auto zurückgelegen muss, besteht sicherlich Einigkeit. Es gibt aber auch Menschen, die sind auf das Auto angewiesen. Sie wohnen nicht, wie die viele Fahrradaktivisten, in einer Großstadt mit guten ÖPNV, sie wohnen auf dem Land, 2 Busse pro Tag, sie arbeiten irgendwo, wo sie Tage mit dem ÖPNV bräuchten, um dort hinzukommen. Es bleibt notgedrungen nur das Auto. Es kann auch nicht jeder in der Stadt wohnen. Stellen Sie sich vor alle Pendler, die nach Stuttgart hineinpendeln, müssten auch dort wohnen. So viel Platz ist nicht, das Umland wäre entvölkert, Wohnsilos müssten entstehen.
    Was gebraucht wird, ist ein gescheites, vernetztes Verkehrskonzept, das alle Belange beleuchtet und berücksichtigt. Sowie man beginnt, eine Gruppe zu bevorzugen und die Belange der anderen zu ignorieren geht es schief.
    Also, Eckenparker weg, Fußgänger können laufen, Parkplätze fehlen, also Parkhäuser her. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass man für seine Kiste einen Obulus entrichten muss, damit sie abgestellt ist. Und wir sollten uns angewöhnen Parkplätze zeitlich besser zu nutzen. Es ist wirklich unverständlich, warum ein Supermarktparkplatz nacht leer steht und rundherum das Chaos tobt. (In Tübingen haben wir auf einem kostenpflichtigen Supermarktparkplatz gestanden. Kunden bekommen das Parkticket ersetzt. Geht doch.) Es gibt für alles eine Lösung, man muss nur wollen!
    Viele Grüße
    Karin

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    1. Hallo Karin,
      es stimmt schon, wir leben in einer Autogesellschaft. Aber nicht, weil das Auto sich Platz erobert hat oder weil es ein starker Wirtschaftsfaktor ist. Sondern weil Menschen diese Entwicklung wollten. Es gäbe keinen Arbeitsplatz in der Autoindustrie weniger und der Aktienkurs von Daimler, VW oder BMW würde um keinen Cent sinken, wenn Autofahrer nicht die Ecken zuparken würden. Die Gesellschaft hat es (bis jetzt) toleriert.

      So wie wir auch massenhaft andere Regelverstöße von Autofahrern tolerieren. Im Jahr 2011 3 Millionen Einträge in Flensburg wegen Geschwindigkeitsübertretungen. Insgesamt 9 Millionen Einträge für alle Verstöße. Wir tolerieren das.

      Parkraum in Innenstädten zu schaffen ist schwierig, bestimmt machbar, auf jeden Fall sehr teuer. Wer soll das bezahlen? Die Allgemeinheit?

      Der Ausbau von Radinfrastruktur ist wesentlich günstiger. Und zukunftsorientiert. Bisher war hierfür nie wirklich Geld da.

      Was die Pendler angeht: Viele von denen sind "ins Grüne" rausgezogen. Dort haben sie beim Bau ihres Eigenheimes für einen privaten Stellplatz gesorgt bzw. haben dafür sorgen müssen. Und wie selbstverständlich erwarten sie jetzt von der Allgemeinheit, dass in den Städten entsprechender Platz bereitgestellt wird.

      Zu guter letzt: Der Autombilverkehr ist in den letzten Jahrzehnten massiv bevorzugt worden. Zulasten anderer Verkehrarten. Es gibt Abschnitte von Bundesstraßen, die nur mit KFZ benutzt werden können. Parallel verlaufende Rad- oder Gehwege: Fehlanzeige. Wenn man also hier mit dem Rad von A nach B gelangen möchte, muss man sich erstens gut auskennen und zweitens zum Teil große Umwege in Kauf nehmen.

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    2. Hallo Karin,

      Du hast Recht damit zu fordern dass alle Verkehrsträger gleich behandelt werden. Das Radverkehr und der Fussverkehr sollten ihrem Anteil am Verkehr entsprechend Finanzmittel und Verkehrsraum bekommen. Dann hätten wir endlich eine ordentliche Infrastruktur fürs Rad, auch auf kosten von Parkraum. In Stuttgart ist in den Parkhäusern immer wenn ich schaue genug Platz, das Leitsystem weist den Weg.

      Gruß,
      Carsten

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