2. Oktober 2017

Der tote Winkel

ADFC Toter Winkel
Wenn ein Lastwagen rechts abbiegt, liegt ein Radfahrer tot unter seinen Rädern. Diese Unfälle sind viel zu häufig. Und sie verlaufen für Radfahrer meist schwer bis tödlich. Im besten Fall verliert man nur ein Bein  wenn der Reifen des LkW darüber rollt. 

Autos haben tote Winkel, oftmals abgefangen durch gekrümmte Spiegel. Der Bereich, in dem ein Lkw-Fahrer überhaupt nichts sieht, ist viel größer. Der ADFC hat das auf dieser Bild dargestellt. Radler, die auf Radstreifen direkt neben einen solchen Laster fahren, müssen wissen, dass der Fahrer sie nicht sieht, wenn sie neben ihm oder auf Höhe des Fahrerhäuses oder sogar kurz vor dem Fahrerhaus sind. Allerdings sollte auch ein Lastwagenfahrer wissen, dass er Radfahrer nicht sehen kann und beim Abbiegen extrem langsam und umsichtig fahren.

Leider geschieht das nicht immer. Und leider werten Gerichte diese für Radfahrer tödlichen Unfälle immer noch oft als etwas, wofür der Fahrer fast nichts konnte, weil der Radler sich ja in seinem toten Winkel bewegt hat, so wie in diesem Fall. Für die Lenker der Lkw ist das übrigens durchaus aus schlimm. Viele erleiden einen Schock.

Die Versicherungswirtschaft fordert sein langen technische Hilfsmittel, warnen, wenn sich Radler oder Fußgänger im toten Winkel befinden. Müsste man nur machen. Könnte man beispielsweise gesetzlich anordnen. Es würde vielen Radfahrerinnen und Radfahrern das Leben retten.

Was wir uns meist nicht klarmachen, auch wir Radler haben einen toten Winkel. Mir ist das mal aufgefallen, als ich auf einem Radweg (baulich von der Fahrbahn getrennt) bergauf radelte und eine Querstraße überquerte (ich hatte Grün), in die gleichzeitig ein Tansporter einbog. Ich hatte die Augen auf die Ampel gerichtet und hörte den Transporter nur, guckte erschrocken nach links, und sah, dass er bremste. Ich befand mich genau auf Höhe seiner rechten Kühlerecke. Weil beim Menschen die Augen ja nach vorn gerichtet sind, können wir zwar im Augenwinkel etwas wahrnehmen, was seitlich von uns ist aber nicht, was sich leicht hinter uns befindet.

Seitdem schaue ich mich wirklich jedes Mal nach links um, wenn ich auf einem Radweg eine Querstraße und Rechtsabbieger-Einbiegung überquere. Eigentlich sollten wir Radler uns darauf verlassen können, dass Autofahrer, auch Lastwagenfahrer sich verantwortungsvoll verhalten und ihre Richtung beibehalten, solange wir neben ihnen sind. Gerade bei so großen, schweren und tödlichen Fahrzeugen Verantwortungsbewusstsein wichtig. Im eigenen Interesse ist es aber natürlich gut, wenn auch wir wissen, wo die toten Winkel bei Lastwagen sind und dass wir selber einen haben. Und es ist gut, langsam zu tun und sich umzuschauen, wenn man Fahrbahnen überquert, auch wenn man Grün hat. Hinter hat man zwar Recht gehabt, aber man ist tot oder liegt schwer verletzt im Krankenhaus.

Nachtrag: Dieser Post hat große Diskussionen ausgelöst. Vielen Dank dafür. Es hat sich herausgestellt, dass es bei den ganz großen LkW ab der Klasse C1E keinen toten Winkel gibt, weil entsprechende Spiegel vorgeschrieben sind. Wobei sie eben auch richtig eingestellt und nicht verdeckt sein dürfen. Bei den LkW darunter aber gibt es sie noch, und die dürfen auch mit Hänger unterwegs sein. Ob wir Radfahrenden auf der Fahrbahn oder auf baulich getrennten Radwegen besser geschützt sind vor solchen Abbiegeunfällen, auch darüber besteht keine einhellige Meinung. Ich kenne Beispiele von solchen tödlichen Radunfällen, die auf baulich von der Fahrbahn getrennten Radwegen passiert sind, ich kenne Beispiele von Fahrbahnunfällen und solche von Unfällen wo die Radler einen Radstreifen befuhren. Mir scheint, Radler sind vor solchen Unfällen nur besser geschützt, wenn man für sei mit baulichen Maßnahmen eine sichere Kreuzung schafft (darüber habe ich schon öfter geschrieben). Aber kaum eine Stadt nimmt sich den Platz, um solche Schutzkreuzungen für Radler zu schaffen.

Außerdem hat mir Blogleser Matthias Fotos von einer Kreuzung in Freiburg geschickt. Man sieht die Fahrbahn und den sehr breiten Radweg. Eine Radlerin fährt auf eine Ampel zu. Über der Ampel hängt ein kleiner Runder Spiegel. Hebt der abbiegende Lasterfahrer die Augen, kann er den Radler auf dem Radweg herankommen sehen. (Auf dem Foto spiegelt sich Fahrbahngrau und eine weiße Markierung darin.) Allerdings wird einem Fahrer da viel abverlangt. Ich habe keine Informationen, ob der Spiegel Unfälle verhindert. Er ist aber sicher dort angebracht worden, weil es an der Ecke viele Abbiegeunfälle gegeben hat.

Vielen Dank, Holger, für die Fotos.



Kommentare:

  1. Bitte nicht diesen Unsinn verbreiten. Wirklich nicht.
    http://adfc-berlin.de/radverkehr/sicherheit/information-und-analyse/121-fahrradunfaelle-in-berlin-unfallstatistik/222-exkurs-der-tote-winkel.html

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    1. LKW der Klassen bis C1E haben tatsächlich die von Christine dargestellten toten Winkel. Und die dürfen mit Hänger immerhin 12 Tonnen wiegen. Lediglich die ganz großen Schlepper haben die verbesserten Spiegel. Es ist also eine reale Gefahr, und kein Unsinn.

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    2. Der Artikel, den du verlinkst, Andreas, zeigt ja schon, dass die Spiegel gar nichts nützen, weil sei teils abgedeckt sind. Und er enthält auch die Forderung nach einem Abbiegeassistenten für LkW-Fahrer, damit es nicht mehr so viele Abbiegetote unter den Radfahrenden gibt. Es scheint, das eine Unzahl Spiegel nicht hilft, weil sie nicht richtig benutzt werden und weil LkW-Fahrer die Gefahr, die sie darstellen, nicht recht wahrhaben wollen.

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    3. Ähm... Das zu den abgedeckten Spiegeln hast du aber gelesen, oder?

      "Bei Aufklärungsaktionen zum “Toten Winkel” werden die Weitwinkelspiegel häufig abgedeckt. Ein Lkw wird aber mit abgedeckten Weitwinkelspiegeln nicht betrieben. Die Aufklärungsaktionen sind praxisfremd."

      Martin

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  2. Selbst wenn ein LKW die spiegel hat bleibt immer noch die menschliche Unachsamkeit, Eile oder schlicht Ignoranz. Als Radfahrer ist man immer gut beraten, sich zu vergewissern, dass man fahren kann und dabei nicht unter einen LKW zu geraten. "Recht haben" nützt nichts, wenn man seine eigene Knautschzone ist.
    Nichtsdestotrotz weiß großteils nicht einmal die Polizei davon, dass der "Tote Winkel" in der Form, wie er noch immer propagiert wird, bei vielen großen Fahrzeugen eigentlich gar nicht mehr existiert. Das was wirklich gebraucht wird ist Aufklärung aller Verkehrsteilnehmer und ein entspanntes miteinander - egal zu welcher "Gewichtsklasse" man gehört.

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  3. Die Grenze zwischen gut gemeinten Informationen zum sogenannten Toten Winkel und Victim Blaming ist nur ein schmaler Grat.

    Für die Mehrheit der LKW eine Vielzahl von Spiegeln vorgeschrieben, die bei richtiger Benutzung keine unsichtbaren Winkel mehr ergeben.

    Siehe https://twitter.com/polizeihamburg/status/829248013142990850?lang=en
    und
    https://www.bg-verkehr.de/presse/pressemitteilungen/einstellung-fuer-die-sicherheit

    Selbst wenn noch ein Fahrer mit einem "toten Winkel" unterwegs ist, muss er eben sehr vorsichtig fahren, das gebietet schon alleine §1 StVO.

    Die Forderung nach technischen Hilfsmitteln hingegen halte ich für grundfalsch, weil die bloße Anwesenheit von technischen Hilfsmittel nicht zwingend eine Verbesserung bedeutet und wieder einmal die Verantwortung vom Verursacher zu einem technischen Gerät verlagert. Die Fahrer und deren Arbeitgeber müssen ein ausgeprägtes Interesse haben, dass keine solchen Abbiegeunfälle mehr passieren. Mit technischen Hilfsmitteln läuft es sonst wie immer: funktioniert nicht, nervt nur, wird ausgeschaltet. Bei Polizeikontrollen wird das Ding dann wieder für 10 Minuten angeschaltet und das war es mit der verbesserten Sicherheit.

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    1. Die Antwort klingt einfach: bitte alle aufpassen. Mich beschäftigt aber schon, dass es so furchtbar viele Unfälle gibt, wo LkW-Fahrer abbiegen und einen Radfahrer töten oder schwer verletzen. Ich möchte nicht wissen, wie viele solcher Unfälle dadurch vermieden wurden, dass Radfahrer aufgepasst und rechtzeitig gebremst haben. Und ich finde, wir können uns nicht auf Appelle beschränken, wir dürfen die Rad-Toten nicht hinnehmen, es darf bei uns auf den Straßen nichts unterwegs sein, was derartig gefährlich ist. Übrigens ist Technik meist weniger fehleranfällig als der Mensch. Eine hilfreiche Technik abzulehnen und an Autofahrer appellieren, das finde ich echt zu wenig, wenn ich mir angucke, wie viele Leute mit ihren tonnenschweren Dingern umgehen.

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    2. Versteh mich nicht falsch. Jeder Weg um Radfahrer zu retten, ist gut.

      Mir geht es aber darum, dass es nicht sein sein kann, dass jemand mit einem 40-Tonner "blind" durch die Stadt ballert. Das wird auch nicht besser wenn irgendwelche Warner an Bord sind. Fahrlässiges Töten mit LKW muss so bestraft werden, dass Spediteure und LKW-Fahrer nicht mehr ruhig schlafen können, bis das Problem gelöst ist und sie sich sicher sind, dass alles machbare getan ist um solche Unfälle zu verhindern. Die Umsetzung muss also durch die Branche selbst passieren und nicht von außen technisch aufgepropft werden. Sonst haben wir nur wieder ein weiteres Gerät im Umlauf, das an der nächsten Straßenecke überbrückt oder manipuliert wird. Siehe Adblue-Einspritzung, siehe Fahrtenschreiber, etc.

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  4. STVZO :
    "§56 Spiegel und andere Einrichtungen für indirekte Sicht

    (1) Kraftfahrzeuge müssen nach Maßgabe der Absätze 2 bis 3 Spiegel oder andere Einrichtungen für indirekte Sicht haben, die so beschaffen und angebracht sind, dass der Fahrzeugführer nach rückwärts, zur Seite und unmittelbar vor dem Fahrzeug – auch beim Mitführen von Anhängern – alle für ihn wesentlichen Verkehrsvorgänge beobachten kann. "

    Wie ist das mit einem "toten Winkel" vereinbar ?

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  5. Hmmm, in Berlin sind dieses Jahr bis heute 7 getötete Radler zu beklagen. 3 Opfer durch abbiegende LKW, 2 durch Dooring und 1 Opfer ist nachts ohne Licht bei Rot über die Ampel. Zum siebten schreibt der ADFC noch nichts. Wenn ich die Bilder bei Google Maps richtig deute, sind bei mindestens 5 Unfällen Radwege oder ähnliches vorhanden. Offensichtlich stellen Radwege etc. ein tödliches Risiko dar. Ach so, 4 der 6 Opfer sind Ü55, 3 sind Ü70. Die sind bestimmt nicht verantwortungslos gerast.

    Also ist Fahrbahn-Radeln doch die sichere und bessere Variante?

    Quelle: http://adfc-berlin.de/radverkehr/sicherheit/aktionen/62-geisterraeder/416-getoetete-radfahrende-2017.html

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  6. Hier der Kommentar von Evan, der ihn hier nicht selber hat reinstellen können:
    Antwort auf Matthias 2
    Das ist statistischer Unsinn. Die sicherste Straße für Radfahrende ist statistisch gesehen, die auf der keine Radfahrende fahren! Keine Radfahrende, keine Unfälle, keine Toten.

    Auf Straßen/Radwegen wo mehr Radverkehr statt findet steigt dass statistische Risiko, dass es zu Unfällen und damit auch zu Toten kommt. "Safety in numbers" spricht dem übrigens nicht entgegen, denn dabei geht man nur davon aus dass das Risiko sinkt.
    Beispiel: halbes Risiko und vier mal so viele Radfahrende, macht immer noch doppelt so viele Unfälle ggf. Tote bei dennoch geringerem Risiko und mehr Sicherheit.

    Über 90% der Radfahrenden fahren auf Radwegen wo immer einer vorhanden ist, viele nehmen sogar Umwege in kauf um nicht auf stark befahrenen Straßen fahren zu müssen. Wenn man also die absoluten Zahlen der Unfälle an/auf Radwegen nicht ins Verhältnis setzt kommt nichts brauchbares dabei heraus.

    Übrigens ist mir weltweit keine Großstadt bekannt, die einen nennenswerten Radverkehrsanteil hat, dabei aber über (fast) keine Radwege verfügt.
    ================================================================================

    Liebe Grüße aus Berlin,
    Evan

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    1. Guten Abend Evan,

      ich habe keine statistische Aussage getroffen. Insofern kann auch niemand von Unsinn sprechen. Auch habe ich keine stochastische Aussagen zu Risiken und Häufigkeiten gemacht.

      Ich habe nur die Aussage vom ADFC wiederholt - 7 Tote. Verbunden mit einer Aussage.

      Auch in Berlin gibt es viele Straßen, an denen es keine Radwege gibt. Nebenstraßen, z.B. in Wohngebieten oder in 30er-Zonen. Hier gibt es interessanterweise keine toten Radler in 2017, obwohl auch hier Radler unterwegs sein werden. Keine Toten durch Abbiegeunfälle oder Dooring.

      Zum Abschluss habe ich eine offene Frage in den Raum gestellt. Was das wohl mit statistischem Unsinn zu tun hat?

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  7. Erstaunlich, wie sehr dieser Post die Gemüter erregt, und wie viele sich gegenseitig beschuldigen "Unsinn" zu verbreiten. Warum ist das so?

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  8. Es erregt die Gemüter, weil
    - es um Leben und Tod geht
    - viele von uns schon entsprechende "Erlebnisse" hatten
    - die Schlussfolgerungen fragwürdig sind

    Ich hatte dieses Jahr einen Beinaheunfall mit einem abbiegenden Transporter (ich konnte den Zusammenstoß reaktionsschnell noch vermeiden, indem ich auch abgebogen bin) und einen Zusammenstoß mit einem abbiegenden KFZ, die mir die Vorfahrt genommen haben. Beide auf Radroute, beide ohne dedizierte Radinfrastruktur, d.h. ich bin gut sichtbar auf der Straße gefahren. Daher meine klarer Wunsch als Standard zur Planung von Radrouten-Infrastruktur: baulich getrennte Radwege und vor allem: Vermeiden von Kreuzungen und Kreiseln, stattdessen Brücken oder Unterführungen. Nur wenn die Verkehrsströme getrennt werden, gibt es die Unfälle nicht.
    Wo sich Kreuzungen nicht vermeiden lassen, dann müssen sie übersichtlich gestaltet werden, d.h. vor allem auch ohne Sicht-Hindernisse. Das geht auch bei baulich getrennten Radwegen.

    Wenn Interesse signalisiert wird, ergänze ich gerne Details zu den Situationen und Unfällen, in die ich verwickelt wurde.

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    1. @Holger: Mich würden die Details interessieren. Mir ist glücklicherweise sowas noch nicht untergekommen, trotzdem würde ich gerne wissen wie die Situation war um in ähnlichen Situationen vorsichtig zu sein.

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  9. Na ja, gehen wir einfach mal davon aus, dass nicht alles so heiß gegessen wird wie es gekocht wurde.

    Es gab viele Meinungen zu technischen Lösungen an LKW. Am Ende hängt es letztlich am Fahrer. Ob es für ihn einfacher wird, eine Vielzahl von Spiegeln im Blick zu behalten?

    In Freiburg habe ich dieses Jahr eine einfache Lösung gefunden. Keine Radwege abgetrennt von der Fahrbahn, sondern Radspuren auf der Fahrbahn. Umd an Kreuzungen Spiegel an Ampelmasten. So gibt es für KFZler den toten Winkel nicht mehr.

    @Christine: Ich schau mal meine Aufnahmen durch. Wenn ich ein brauchbares Bild finde, schicke ich es dir.

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  10. Selbst Sprinter haben bei richtig eingestellten Spiegeln ( 2 Stück) keinen toten Winkel. Aber toter Winkel klingt halt besser als "zu faul den Kopf zu drehen"...

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    1. Wobei die Polizei bei solchen Unfällen fast immer vom toten Winkel spricht, auch heute noch. Und selbst Gerichtsentscheidungen berufen sich darauf. Ich persönlich finde, dass der tote Winkel keine Begründung oder Ausrede für so einen Unfall ist, weil, wenn man nichts sieht, man nicht fahren, also nicht abbiegen darf.

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  11. Die Polizei Hamburg, nicht gerade für Fahrradfreundlichkeit bekannt, twittert:
    "Den 'Toten Winkel' gibt es nicht" (incl Foto von der Berufsgenossenschaft Verkehr)
    https://twitter.com/polizeihamburg/status/829248013142990850?lang=de

    Meine Meinung: Lkw-Radunfälle haben wenig bis gar nichts mit dem belibten Streitpunkt 'Wie halt ich's mit Radweg bzw Fahrbahn' zu tun, als vielmehr mit den unzivilisierten, um nicht zu sagen rechtsfreien, Zuständen im Öffentlichen (Verkehrs-) Raum.

    Wie immer, wenn sich das Recht und damit die zivilisatorischen Erungenschaften zurückziehen oder jedenfalls Inseln lassen, sind dort die Schwächeren die Opfer bzw entstehen für sie Räume mit stark erhöhtem Risiko für ihren Leib und ihr Leben.

    In "LKWs und Radlerinnen – Eine unheimliche Singularität"
    https://radverkehrhamburg.wordpress.com/2016/02/09/lkws-und-radlerinnen-eine-unheimliche-singularitat/

    habe ich versucht, Entstehung und Auswirkungen eines solchen rechtsfreien Raums mal zu beleuchten.

    Nachdem mir die These vom "bösen Radweg" zu widersprüchlich wurde
    (Z.B., aus neuerer Zeit, 2016 in Berlin stand ein (1) Rad-Lkw Unfall mit einem Radweg im Zusammenhang, mehrere mit abbiegenden Lkw vs Fahrbahn-/StreifenradlerInnen sowie einige ohne Abbiegen auf der Fahrbahn übergemangelt), wenn man sich von diesen Scheuklappen einmal befreit, so wird ein gänzlich anderes Muster offenbar:

    Beim Lkw-Rad Unfall haben wir es auf der Tätertseite ganz überwiegend mit Männern zu tun - auf der Opferseite ganz überwiegend mit Frauen.

    Meine Beschäftigung mit der einschlägigen Literatur, die zumeist aussagekräftiger ist als die ideologisch eingefärbten Debatten auf den Kommentarseiten, ergab folgendes Bild:

    Die BASt (Bundesanstalt für Straßenwesen, Bundesministerium für Verkehr) stellt in ihrer Untersuchung “Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern an Kreuzungen durch rechts abbiegende Lkw” von 2004 im Kap. 4.2.3 fest:

    "Die in die untersuchten Unfälle verwickelten ungeschützten Verkehrsteilnehmer waren zum großen Teil Radfahrer (78 von 90, Bild 42) und stammen aus allen Altersklassen, Bild 43. Das weibliche Geschlecht ist bei den Fußgängern/Radfahrern deutlich häufiger (> 60 %) als das männliche vertreten, Bild 44. Diese Verteilung von etwa 1 : 2 (Männer : Frauen) entspricht nicht der in der amtlichen Statistik ausgewiesenen Verteilung für Radfahrer (etwa 2 : 1)."

    In Großbritannien, wo RadfahrerInnen weitgehend gänzlich ohne Radwege auskommen müssen, siehen die Zahlen ähnlich aus (s. Link oben)

    Frauen als ungeschützte Verkehrsteilnehmer unterliegen demnach einer ca. 4mal höheren Wahrscheinlichkeit als Männer, von einem Lkw überfahren zu werden . Das ist verblüffend und alarmierend, denn bekanntlich neigen Frauen weniger zum Risiko als Männer und sind deshalb in den Verkehrsunfall-Statistiken unterrepräsentiert.

    Um nicht falsch verstanden zu werden (schon vorgekommen):
    Ich bin nicht der Meinung, dass Frauenhaß die Ursache dieser Unfälle ist.

    Ich bin der Meinung, dass der Strassenverkehr so sehr von und nach männlichen Vorstellungen und Bedürfnissen ('running with the bulls') organisiert ist, dass es eines ausreichenden Testosteronspiegels bedarf, um sich sicher darin zu bewegen.



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