12. August 2017

Radler hassen geht immer

Autofahrer hassen sie. Und Fußgänger erst recht. Radfahrer sind staatlich anerkannte Gutmenschen, behauptet ein Beitrag im Blog des Freitags

"Die Cyborgs übernehmen gerade die Evolution. Die Radfahrer. Mit dem allerhöchsten Segen der umweltpolitischen Korrektheit klingeln sie mich erbarmungslos vom Spazierweg ..." egal, ob man springen kann oder nicht. Fahrradförderung auf Kosten von Fußgängern, so der Tenor, ist nicht fair, den Spaziergängern gegenüber. Das denke ich mir auch manchmal, wenn ich durch den Schlossgarten radle. Die armen Fußgänger! Und dann denke ich: Aber welche Alternativstrecken haben wir Radler eigentlich?

Wo ist denn der echte Tallängs-Radweg? 


Welche Wahl habe ich, wenn ich wieder einmal von der Fahrbahn auf einen Gehweg geschickt werde, wo das blaue Schild für einen gemischten Rad-/Gehweg steht?  Da muss ich Fußgänger stressen. Ich radle nur höchst ungern durch Fußgänger, übrigens auch auf dem sogenannten Mischverkehrweg in der Tübinger Straße beim Gerber. Fußgänger und Radler passen nicht zusammen, wenn es eine Hauptradroute ist, wo die Rad-Pendler schnell durch wollen. 

Ich schlängle mich auch nur ungern durch den Schlossgarten bei der Oper und über die sauschmalen Stege des Schlossgartens. Ich spüre den Hass auf mich als "rasende Radlerin" persönlich, auch wenn ich nicht rase. Aber Fußgänger verstehen uns Radler gern falsch. Sie fühlen sich leicht bedroht, egal wie langsam wir unterwegs sind. Sie fühlen sich schnell angegriffen, weil sie uns nicht kommen gesehen haben. Sie können sich nicht vorstellen, dass wir Radfahrer die Augen vorn haben und sie gesehen haben. Fußgänger hassen Radler. Und weil die meisten Menschen entweder Fußgänger sind (das sind sie immer) und Autofahrer, haben sie zwei Perspektiven, aus denen sie Radfahrer hassen.

Man unterstellt ihnen, dass sie sich für bessere Menschen halten und prügelt drauf los. Man holt sich ein krasses Beispiel und behauptet, alle Radler würden sich so verhalten. Radler sind eine Landplage ... Autos nicht. In der Presse tobt doch noch der Machtkampf um die uneingeschränke Vorherrschaft auf der Straße, der die schwächeren Verkehrsteilnehmer kriminalisiert und sich dabei auch der Fußgängerperspektive bedient als die Empörungsinstanz der noch Schwächeren. Ja, wenn es doch nur Autos gäbe und Fußgänger auf Gehsteigen! 

Dieses Radwegschild weist auf den Gehweg, ist aber
eigentlich falsch gedreht. Seit Jahren schon.
Die Kommentare auf meiner Facebook-Seite kann ich jetzt schon vorhersagen. Der Hass wird sich freie Bahn brechen, und ich werde wieder Geschichten hören von Ungeheuerlichkeiten, die Radler getan haben, dass sie immer rasen, dass sie nie Rücksicht nehmen ... und so weiter. Allein die Behauptung, Radler seien Gutmenschen (auch noch staatlich anerkannte), gibt den Ring frei für Aggressionen. Denn Gutmenschen sind bei uns ja die moralisierenden Leute, die anderen den Spaß verderben, weil sie Recht haben. Das mögen wir gar nicht. 

Wir mögen überhaupt sehr viel nicht, was andere Leute anders machen als wir selbst. Schon gar nicht, wenn es eigentlich vernünftig ist. 

Hier sollen Radler nicht auf der Fahrbahn queren. Warum?
Aber lassen wir das mal beiseite: Ich meine schon lange, Radfahrer und Fußgänger müssen getrennt werden. Radler stressen Fußgänger. Das darf nicht sein. Unter diesen Fußgänger/innen sind ja auch Gehbehinderte oder Eltern mit kleinen Kindern, die man auf dem Gehweg oder im Park nicht anleinen möchte. Deshalb widerspreche ich der These, Radler seien staatlich anerkannte (Gut)Menschen. Sie sind staatlich verachtete Gutmenschen, die man mit der Radverkehrspolitik, die Radwege in Fußgängerbereiche legt, statt auf Fahrbahnen, in Misskredit bringen will. 

Teile und herrsche: Teile einen schönen Uferweg unter Radlern und Fußgängern auf, und du hast die Solidarität der Nicht-Autofahrenden zerstört, du hast Feinde geschaffen, die einander bekämpfen. Wer damit beschäftigt ist, Radfahrende zu hassen, hasst schon mal die Autofahrenden und Autos nicht. Und schreit nach Strafen und Kontrollen für Radfahrer.

Wobei Radler die Rolle einer Minderheit spielen, die man mit Misstrauen betrachtet und für gewalttätig hält. Denn sobald ein einzelner Radfahrer irgendetwas macht, was einen einzelnen Fußgänger ärgert, werden alle Radler dafür in Haftung genommen. Mir wird ein Beispiel vorgehalten und von mir wird erwartet, dass ich mich von der vermeintlichen Untat des Radler distanziere. Das ist etwas, was man in einer Gesellschaft nur mit Minderheiten macht, die man eigentlich nicht haben will. Niemand würde auf die Idee kommen, das Fehlverhalten eines Autofahrers (er parkt auf dem Gehweg oder er hat mich fast tot gefahren) dem Nachbarn anklagend vorzuhalten, von dem man weiß, dass er mit dem Auto zur Arbeit fährt. Aber sobald Leute erfahren, dass ich mit dem Fahrrad fahre, skandalisieren sie vor mir irgendein Erlebnis mit einem Radfahrer. So als sei ich dafür verantwortlich. 

Deshalb: Schluss mit einer Radpolitik, die Radfahrende unter Fußgänger/innen mischt! Räder brauchen ausreichend Platz auf Fahrbahnen und ungefährliche Kreuzungs- und Ampelregelungen. 

Die Alternative zum Neckardamm / Cannstatt
Übrigens: Auch manche Autofahrer hassen uns Radler, und dieser Hass ist gefährlicher für uns, weil Autofahrende gelegentlich zu Strafmaßnahmen neigen und uns mit ihren Autos totfahren können. Allerdings stören wir auf Fahrbahnen wesentlich weniger Autofahrer als wir in Parks und auf Gehwegen Fußgänger stören. Denn Autos sind so riesig, dass sie viel Platz wegnehmen, um eine einzelne Person zu transportieren. Auf einer Straße wie der Neckarstraße halte ich als Radlerin höchstens vier Autos (vier Menschen) auf, während ich im Schlossgarten Hunderte störe. 

Rund um den Marienplatz bin ich für vielleicht fünf Autofahrer ein Hindernis, wenn ich auf der Fahrbahn radle, aber für rund fünfzig Fußgänger ein Ärgernis, weil die Hauptradroute 1 mich zwingt, über Gehwege zu radeln. 

Es wird Zeit, den Platz in der Stadt so aufzuteilen, dass Fußgänger in Ruhe spazieren können und Radler ungestresst und ungefährdet von Autos fahren können.

Kommentare:

  1. Schöne Bestandsaufnahme. Dann frage ich mich nur, warum diese Aggression auf Seiten von Fußgängern nicht dazu führt, dass sie aktiv werden. Forderung: Hier wollen wir keinen Radverkehr. Als Alternative schlagen  wir vor,  ...

    Meiner Meinung nach finden sich 2 Antworten.  Die eine ist Bequemlichkeit. Dir andere ist fehlendes Interesse. Offensichtlich wollen diese Menschen überhaupt keinen Radverkehr,  weder hier noch woanders. Die Radler sollen nur weg.

    Und deswegen fahre ich dann doch überwiegend Straße, weil ich da hingehöre. Und da bin ich auch am sichersten. Objektiv betrachtet. Und ich filme meine Fahrten und somit mein Verhalten. Im Ernstfall habe ich dann (hoffentlich) entlastendes Material.

    Diese Diskriminierung von Radlern wird zudem durch geeignete Äußerungen (z.B. die Kampfradler des ehemaligen Auto- und Verkehrsministers Ramsauer) befeuert und von der breiten Masse bereitwillig aufgenommen. Vorverurteilungen und Schuldzuweisungen inklusive.

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    1. Die meisten Menschen werden nicht aktiv, allein auch deshalb, weil sie nicht wissen, wie und wo sie ihre Aktivität einsetzen können. Auch wir Radler sind noch nicht sonderlich aktiv im Einfordern unserer Wegeinteressen. Wir verhalten uns wie Einzelkämpfer, statt uns zu einer fordernden Menge zu verbinden. Wir ärgern uns einzeln und schreiben Briefe an alle möglichen Ämter, aber wir haben uns noch nicht zusammengeschlossen, um für eine bessere Radinfrastruktur und mehr Finanzmittel dafür zu demonstrieren.

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    2. Streng genommen werden ja einig aktiv. Indem sie Pöbeleien und Hass-Posts zum Beispiel bei dir loswerden. Oder am Stammtisch, oder beim Grillabend nach den dritten Bier....

      Kein konstruktiver Ansatz zu erkennen. Sie könnten ja in einen Dialog treten, aber dafür bräuchte es Interesse.

      Ich bin mittlerweile überzeugt, dass der Druck zur Veränderung aus der Gesellschaft kommen muss. Nicht nur aus der Radler-Gemeinde.

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    3. "Auch wir Radler sind noch nicht sonderlich aktiv im Einfordern unserer Wegeinteressen. Wir verhalten uns wie Einzelkämpfer, statt uns zu einer fordernden Menge zu verbinden. Wir ärgern uns einzeln und schreiben Briefe an alle möglichen Ämter, aber wir haben uns noch nicht zusammengeschlossen, um für eine bessere Radinfrastruktur und mehr Finanzmittel dafür zu demonstrieren. "
      Ich stimme dir nicht zu, Christine. Jeden Monat rollen über 1000 Fahrräder quer durch die City. Die critical mass ist groß, und wird dennoch nur belächelt. Bei der Räumung des Schlossgartens waren auch nur 2000 Demonstranten vor Ort. Müssen wir uns mit Wasserwerfern anlegen, oder wie beim G20 Gipfel Autos anzünden damit wir gehört werden? Ist eine friedliche Demonstration heutzutage wertlos? Wenn ich mir das Medienecho und die Reaktion der Politik auf die Räumung des Schlossgartens oder den G20 Gipfel anschaue, und mit der critical mass vergleiche, habe ich den Eindruck dass nur Gewalt gehört wird. Wir dagegen demonstrieren ja nur, und sagen was uns nicht passt.

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    4. Gewaltfreie Demos sind natürlich nicht wertlos. Vielleicht sollte bei der CM ne Kleinigkeit geändert werden. Runter von der Straße, Rauf auf die unzureichenden Radwege. Die Radwege-Infrastruktur kollabiert und danach auch der Autoverkehr.

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  2. Die Wahl des Verkehrsmittels macht aus niemandem einen besseren oder schlechteren Menschen. Auf den Charakter hat das keinen Einfluss. Wer rücksichtsvoll und defensiv ist, der ist das gleichermaßen als Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Wer draufgängerisch veranlagt ist, nimmt für sich und für andere mehr Risiko in Kauf.

    Raqdfahrer sind im Durchschnitt keine Gutmenschen, woher soll das kommen.

    Jeder ist egoistisch und bis zu einem (individuell unterschiedlichen) Grad sozial/einfühlsam/rücksichtsvoll.

    Entsprechend bewertet jeder die (Verkehrs)Regeln nach "gesundem Menschenverstand" und hält sich in dem Maß daran, was man für einen gelungenen Kompromiss zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl hält.

    Bei manchem Verhalten weiß man nicht, ob es durch Höflichkeit/Rücksichtnahme motiviert ist oder durch Unkenntnis der Regeln. Es gibt durchaus auch gelegentlich "freiwilliges Regeleinhalten" zu beobachten. Beispielsweise ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich als Radfahrer am Rosensteinbunkter an einer roten Fußgängerampel halte, auch wenn kein Autofahrer zu sehen ist. Beispielsweise halten immer wieder Autofahrer an, wenn ich als Radfahrer die Straße auf einem Zebrastreifen queren will und warte, und winken mich rüber.

    Regeln zu ignorieren, ist aber viel häufiger. Wer von uns Radfahrern hält sich streng an die Regel, dass man nur links überholen darf und das mit einem Mindestabstand von 1.5 Metern auf gemeinsam genutzten Rad- und Gehwegen? Das ist faktisch ein Überholverbot auf fast der gesamten Radinfrastruktur in Stuttgart. Und wenn auf dem breiten Schloßgarten links ein Fußgänger läuft, fahre ich rechts vorbei. Allein ich: täglich locker 50 Verstöße gegen diese Regel, häufig auch noch kombiniert mit einem Geschwindigkeitsverstoß. Aber in der Hinsicht nimmt für uns Radfahrer bekanntlich der Kontrolldruck zu. Ich bin dieses Jahr jedenfalls schon im Schloßgarten in eine Radar-Geschwindigkeitskontrolle geraten und habe einen Rüffel gefangen, weil ich nach Runterbremsen 24 km/h schnell war. Kein Fußgänger sichtbar, benutzungspflichtiger Radweg, da fühlte ich mich so, als ob ich so schnell sein dürfte.

    Macht verschiebt das Richtung Egoismus. Macht als Autofahrer (siehe "Unbegrenzte Macht der Straße"), aber auch Macht als Gruppe. Gemeinsam ist man stark, ignorant und rücksichtslos. Da verhält sich die Schülerhorde auf dem Weg zur Bildungseinrichtung nicht anders als die Rentner-Wandergruppe auf dem Weg zum Biergarten (und die Radfahrer auf dem Weg zur AfterMass ;-) ).

    Mehr Regeltreue bekommt man nur durch Kontrolldruck.

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    1. Die Wahl des Verkehrsmittels hat durchaus einen Einfluss. Als Fußgänger und Radfahrer steckt man im Geschehen, als Autofahrer zunächst einmal im Auto. Diese Verkleidung aus Blech und Sicherheitsglas ist mehr als eine ein physische Trennung, sondern trennt auch psychisch das ich vom wir.

      Das soll keineswegs den Egoismus der Autofahrenden entschuldigen, sondern lediglich einen Teil davon als Effekt des Automobils selbst erklären.

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  3. Ein weiterer fieser Aspekt: Die Regelwerke für Fußgänger und Radfahrer passen nicht zusammen: Fußgänger dürfen beliebig schnell sein (45 km/h schnelle Inliner im Schlossgarten sind erlaubt). Sie dürfen in jede Richtung laufen (es gibt kein Rechtslaufgebot). Sie dürfen abrupt stehen bleiben. Sie dürfen sich beim Rumirren auf Smartphone-Displays konzentrieren. Sie dürfen nebeneinander laufen. Sie dürfen Hundeleinen quer über den Weg spannen. Sie dürfen sogar ins Gespräch vertieft rückwärts auf einen (exklusiven) Radweg treten, und der Radfahrer bekommt beim Unfall dann Teilschuld.

    Deshalb darf man die beiden Gruppen auf Hauptverkehrswegen nicht zusammenpferchen, vor allem nicht, wenn die Mindestbreiten unterschritten sind. Da unterstütze ich Christine voll.

    Eine andere Situation sind verkehrsberuhigte Bereiche (neudeutsch shared space) und Gehweg mit Zusatz "Radfahrer frei", wo das Vorankommen nicht im Vordergrund steht, sondern das Verweilen, Flanieren, Einkaufen. Das wäre auf der Königstraße denkbar, die bekanntlich links und rechts von parallel laufenden Hauptradrouten flankiert wird. Auf der Tübinger Straße ist das ein Unding, solange sie die Hauptradroute Nr. 1 bildet. Entwurfsgeschwindigkeit 30 km/h und Aufenthaltsqualität für Fußgänger, das sind extrem widersprüchliche Anforderungen.

    Daraus ergibt sich noch ein Argument: Wenn man die Radfahrer wie selbstverständlich ständig in den Fußgängermodus zwingt ("Radfahrer frei" auf Gehwegen), und das völlig unbefangen auch linksseitig, und wenn man auf Kreuzungen und Plätzen komplett auf leitende Markierungen verzichtet, erreicht man, dass sich Radfahrer wie "Fußgänger mit 2 Rädern darunter" fühlen und entsprechend rücksichtslos verhalten.

    Noch eine Anmerkung zur Zielvorstellung: "kreuzungsfrei" ist um Welten besser als jegliche Kreuzungs- und Ampelregelung. Das ist doch das Tolle an den Ferdinand-Leitner-Steg und den Brücken, die die Bundesgartenschau aus den 1970'ern Stuttgarts Fußgängern und Radfahrern "geschenkt" hat, und den Unterführungen unter den Neckarbrücken: man kommt schnell und sicher und ohne Konflikte an den Automassen vorbei. Das hat Herr Herrmann doch neulich auch als Ergebnis seiner Studienreise in die Niederlande mitgebracht: Er regt eine Radfahrerbrücke über die Charlottenplatz-Kreuzung an. Wie geht es mit diesem Vorschlag eigentlich weiter?

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  4. "Ich bin dieses Jahr jedenfalls schon im Schloßgarten in eine Radar-Geschwindigkeitskontrolle geraten und habe einen Rüffel gefangen, weil ich nach Runterbremsen 24 km/h schnell war. Kein Fußgänger sichtbar, benutzungspflichtiger Radweg, da fühlte ich mich so, als ob ich so schnell sein dürfte."

    Wo gibt’s denn im Schlossgarten ein explizites Tempolimit? Meines Erachtens doch nur das implizite des gemeinsamen Fuss- und Radwegs, wo der Radler *im Bedarfsfall* nur Schrittgeschwindigkeit fahren darf.

    Wenn aber keine Fussgaenger da sind, darf man doch auch schneller fahren. Das entscheidende Kriterium ist die Gefaehrdung eines Fussgaengers - wo keine Gefaehrdung, ist auch keine Pflicht zur Schrittgeschwindigkeit.

    Oder bin ich da jetzt komplett auf dem Holzweg?

    Gruss - Matthias

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  5. Es gilt die gegenseitige Rücksichtnahme. Und damit angepasste Geschwindigkeit. Eine generelle Schrittgeschwindigkeit kann das nicht heißen.

    Holger liegt in zwei Punkten falsch. Selbstverständlich darf er Fußgänger rechts überholen. Für Füßler gibt es kein Rechts-Geh-Gebot.

    Und es besteht hier keine Benutzungspflicht. Die kann nur bestehen, wenn der Radweg neben einer Straße verläuft. Hier bedeutet der blaue Lolly,dass außer Füßlern und Radlern niemand diesen Weg benutzen darf.Kein Auto oder Motorrad, auch keine Reiter und was es sonst noch so gibt.

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    1. Beim Überholen bleibe ich dabei: "Füßler haben kein Rechts-Geh-Verbot", das stimmt. Für den Radfahrer gilt aber trotzdem StVO §5 Absatz 1: "Es ist links zu überholen.". Es gibt auch Gerichtsurteile, in denen das Vorbeifahren an gehenden Fußgängern (in gleicher Richtung) als Überholvorgang betrachtet wird, der deshalb links erfolgen muss (z.B. LG Düsseldorf 9.4.2002. Beim Seitenabstand habe ich noch mal recherchiert. Da habe ich jetzt mehrfach 50cm und 1m gefunden als ausreichenden Abstand zwischen Fahrradfahrern untereinander und zu Fußgängern. Die Quelle für die 1,5m finde ich nicht mehr und nehme diese Angabe zurück.

      Zur Benutzungspflicht: die blauen Lollies sind grundsätzlich Gebotsschilder, d.h. das, was darauf abgebildet ist, muss man tun (und alles andere, gegenteilige darf man nicht). Aber Du hast insofern Recht, ganz woanders darf man fahren. Da die B14 mehr als 5 Meter weg ist, hindert einen der blaue Lolly nicht, dort zu fahren (ist trotzdem erst ab Neckartor erlaubt wegen eckigem blauen KFZ-Schild).

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  6. zur Frage unter Bild 4 "Hier sollen Radler nicht auf der Fahrbahn queren. Warum?":
    Radfahrer sind intelligenter als die anderen.
    Das beweist schon die Wahl des Verkehrsmittels.
    Der Gesetzgeber weiß das leider auch und plagt die Radfahrer mit komplizierten Regeln, die andere Verkehrsteilnehmer überfordern würden.

    Das Gehirn der Radfahrer muss aber auch trainiert werden, sonst verkümmert es.

    Die Antwort ist: Die Kreuzung dient zur Übung.

    Die Radfahrerin muss gleichzeitig die Verkehrssituation erfassen (Fußgänger, Autos, Stadtbahn, andere Radfahrer) und herausfinden, welche Ampel für sie gilt (und ob überhaupt eine).

    Also in Sekundenbruchteilen folgende Überlegungen abspulen, um sich regelkonform zu entscheiden, wie es weitergehen soll
    (wichtig, denn die Regeln sind dazu da, dass man berechenbar und sicher im Straßenverkehr agiert):

    Blaues rundes Verkehrsschild mit Fahrrad drauf, also erwarte ich eine Radfahrerfurt als Radwegeführung.
    Was für Linien sind denn nun auf der Straße aufgebracht:
    Hm, keine Trennlinie zwischen Rad- und Gehbereich.
    Also doch keine Radfahrerfurt?
    Andererseits, links von der Fußgängerfurt ist drüben keine Gehwegabsenkung.
    So ein Hindernis ist in Stuttgart eigentlich ein untrügliches Indiz für eine Fahrradroute.
    Also, zusammen mit dem runden Schild gilt das unvollständige Konstrukt vermutlich doch als Radwegeführung.

    Wie geht es für mich drüben eigentlich nach der Kreuzung weiter?
    Ah, neben der Stadtbahn auf dem Aufstellbereich der Fußgänger ein Schild "Radfahrer frei".
    Gilt das jetzt eigentlich für den Gehweg oder für die Stadtbahnschienen?
    Es steht zwar mitten auf dem Gehweg, andererseits hängt es unter dem Einfahrt-Verboten-Schild zusammen mit dem "Stadtbahn frei" Schild, also soll ich da wohl irgendwie auf die Stadtbahnschienen rüberschwenken.
    Um die Details kümmere ich mich später, wenn ich die Kreuzung überlebt habe, aber ich merke mir schon mal vor, dass ich aufpassen muss, um nicht in den Schienen stecken zu bleiben.

    Ich sehe ein rotes Ampelmännchen.
    Juhuu, es gibt Ampeln, die den Verkehr regeln.
    Also im Gedächtnis kramen, Stichwort StVO, was da zu "Wechsellichtzeichen" steht.
    Immer schön der Reihe nach:

    §37 Absatz 4 kann nicht angewendet werden.
    Die Lichtzeichen für Schienenbahnen gelten für Radfahrer nur dann, wenn Radfahrer auf deren Spur per Zusatzzeichen zugelassen sind.
    So ein Schild sehe ich auf meiner Seite der Kreuzung nicht, also noch mal Glück gehabt, denn bei diesen komischen unbunten Symbolen auf den Bus- und Straßenbahn-Ampeln (Punkt, Querstrich, Längsstrich) bin ich sowieso nicht so sattelfest, was sie eigentlich bedeuten.

    §37 Absatz 5 kann nicht angewendet werden, denn da ist kein Sinnbild "Radverkehr" auf der Streuscheibe auf der Ampel da drüben auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung.
    Das gleiche trifft auf §37 Absatz 6 2. Satz zu.

    §37 Absatz 6: Na also, "Wer ein Rad fährt, hat die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten".
    Alles klar, war doch einfach, denn was noch alles als Ausnahme in Absatz 6 steht, gilt nicht, weil die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt sind.

    So weit, so gut.
    Aber wo steht denn jetzt die Fahrverkehr-Ampel, nach der ich mich richten muss?
    Ich erinnere mich, 20 Meter hinter mir war eine.
    Was hat die den für eine Farbe angezeigt?
    Waren denn da nicht Abbiege-Pfeile drauf?
    Soll ich echt umdrehen, zurückfahren und einen neuen Anlauf nehmen, um vorwärts über diese Kreuzung zu kommen?
    Verflixt, zurückfahren, das wäre dann ja linksseitig.
    Darf ich das hier überhaupt, auf der falschen Straßenseite auf dem Gehweg radeln?
    Vermutlich schon, in Stuttgart gibt es das ziemlich häufig.

    Ach was, gesch... drauf, ein schneller Blick links, rechts und nach hinten, kommt nix, Polizei auch nicht zu sehen.
    Geht doch, Radfahren in Stuttgart kann ganz einfach sein.
    Man muss einfach den Verkehrsplanern glauben, die den Radverkehr in Stuttgart in den letzten 10 Jahren massiv gefördert haben und darf sich von den Verkehrsregeln nicht zu sehr ablenken lassen.

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    1. Bravo! genial. Duhast den Hahrradfphrerschein bestanden. Besser kann man es nicht erklären. 👏

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    2. Das Problem mit der Querung dieser Kreuzung verstehe ich nicht, zumal es sich nicht um die parallel verlaufende Hauptroute nach Vaihingen handelt, bei der man deutlich kritischer sein könnte oder sein müsste. Wenn ich an der beschriebenen Stelle als Radfahrender geradeaus weiterfahren will, erkenne ich sofort, dass die Durchfahrt für Kraftfahrzeuge nicht erlaubt ist, für Radfahrende aber sehr wohl. Ich finde das prima und bin diese Strecke auch schon oft gefahren. Einfach der Stadtbahn hinterherfahren ist erlaubt und zudem stressfrei. Prima. Zusätzlich erlaubt mir die Stadt auch ausdrücklich die Nutzung des Fußgängerweges zur Querung der Straße. Was sollte an dieser Situation und Regelung ungünstig sein?

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    3. Eines möchte ich noch ergänzen bzw. zur Kritik und Diskussion stellen. Wir starten mit dem guten und wichtigen Artikel von Christine zum sehr grundlegenden Thema „Radler hassen geht immer“ und enden mal wieder in einer kleinkarierten Diskussion über Schilder, Regeln und Paragraphen, die ohnehin häufig sehr schwierig zu erfassen, zu interpretieren und meist kaum zu verstehen sind. So kommen wir nicht weiter. Das Klein-klein der Verkehrsjuristen bringt überhaupt nichts. Wir müssen aus meiner Sicht vielmehr die „großen“ und „grundsätzlichen“ Fragen diskutieren, voranbringen und in die Politik kommunizieren. Das Paragraphenthema ist nur eins von vielen Themen im Potpourri des Radfahrens und zudem von Christine bereits ziemlich ausgearbeitet worden. Wir wissen: Radfahrer können sich kaum an Regeln halten, weil die Regeln in neun von zehn Fällen entweder nicht erkennbar oder nicht verständlich oder widersprüchlich oder nicht akzeptabel sind.

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    4. Hallo Stefan, die Kritik ist angekommen. Aus meiner Sicht besteht ein Zusammenhang zur "großen Linie": wir bewegen uns auf relativ engem Raum mit großen Geschwindigkeitsunterschieden. Als Radfahrer "sitzen wir zwischen den Stühlen", Fußgänger empfinden uns als fast so gefährlich wie Autofahrer, erschrecken und sind wütend, dass wir ihnen so eng auf die Pelle rücken in ihrem eigentlich geschützten Bereich.

      Das müsste nicht sein, viele Konflikte sind planerisch provoziert, weil die Verkehrsströme nicht ordentlich getrennt werden (siehe auch Markus Koßmanns Kommentar unten).

      Klare, einfache, übersichtliche Infrastruktur verringert den Anteil an Irrläufern und Falschfahrern. Eigentlich erwarte ich von den Planern in den Behörden, dass sie die Verwaltungsvorschriften beachten und ausgewiesene Radinfrastruktur genau so selbstverständlich wie für den Autoverkehr breit (und hoch) genug gestalten, dass man problemlos und hindernisfrei durchpasst und sich auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren kann. Ich will mich eigentlich gar nicht mit den Details herumschlagen, ich will sie eigentlich nicht einmal kennen müssen.

      Eine Verbesserung "direkt" beim grundlegenden Thema zu erreichen, dürfte viel schwerer sein als das (flächendeckende) Einfordern von vorgeschriebenen Mindeststandards. Und ein "ich finde das etwas eng hier und hätte gerne mehr Abstand" wird auch kaum zu einer geänderten Planung führen. Mit dem Anprangern will ich eine Verbesserung der Ausschilderung und der Infrastruktur erreichen. Resigniertes illegales Durchwurschteln, das kann auf Dauer doch nicht die gewünschte Grundeinstellung von Tausenden Verkehrsteilnehmern sein.

      Auch zur Diskussion: Der Hass auf Radfahrer wird zunehmen, wenn es mehr Radfahrer werden und wir nicht mehr die einzelnen Exoten und Underdogs sind. Wenn sich der Radfahrer-Anteil in Stuttgart verdoppelt oder gar nennenswert über 10% steigt, werden die Radfahrer selbstbewusster und aggressiver und mit dieser Machtverschiebung "zugunsten" der Radfahrer einhergehend wird mehr rüpelhaftes Verhalten zu beobachten sein (Abreißen von Spiegeln, Tritte in die Seitentür usw. wie in Berlin oder München). Wenn das dann alles auf der jetzigen unzureichenden Infrastruktur stattfindet, die haufenweise konfliktgeladene Begegnungen "erzeugt", dann gute Nacht.

      Ganz verschwinden wird der Hass vermutlich nie, allenfalls verlagert er sich und/oder findet kein Ziel (indem die Parteien getrennt werden), eben weil er eine Begleiterscheinung von (und gegen) Machtausübung ist und auf grundsätzlicher menschlicher Psychologie beruht. So weit meine grundsätzlichen Überlegungen zur "uneingeschränkten Macht der Straße".

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  7. Radwege wurden und werden nach folgendem Rezept angelegt:
    Man nehme einen Gehweg, stelle ein blaues Schild auf und male möglicherweise noch einen weissen Strich mitten auf den Gehweg.
    Und hat damit die gewünschten Ziele erreicht:
    Fahrbahn frei von Radfahrern.
    Und Fußgänger beschweren sich nun über Radfahrer die nun "haarscharf an Ihnen vorbeirasen"
    Das "Teile und Herrsche Prinzip" hervorragend umgesetzt.
    Denn eigentlich hätten Fußgänger und Radfahrer ein gemeinsames Interesse den KFZ-Verkehr zurückzudrängen um eine lebenswerte Stadt statt einer Blechwüste zu bekommen

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  8. DIVIDE ET IMPERA

    Bravo!
    Endlich sind wir bei Machiavelli und der reinen Lehre des Hegemonialkonflikts angekommen und nennen das Kind bei seinem Namen.

    Darauf möchte ich fast reimen.

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