22. August 2017

Doofe gibt es überall

"Machen wir uns nix vor: Es sind nicht die Radfahrer, nicht die Autofahrer und auch nicht die Fußgänger – es sind die Doofen, die nerven", schreibt Setzer in Kessel-TV. Stimmt eigentlich. 

Wir streiten uns hier - mehr noch auf Facebook - ständig, wer schlimmer ist im Missachten der Regeln, wer böser ist, und wer mehr nervt, Radler oder Autofahrer. Die meisten Radfahrenden die meisten Autofahrer/innen und die meisten Fußgänger/innen verhalten sich jedoch vernünftig, rücksichtsvoll, vorausschauend und freundlich und beachten die Verkehrsregeln. Ich erlebe mehr Autofahrende, die in angemessenem Abstand hinter mir bleiben, wenn ich auf einer Fahrbahn radle, und erst überholen, wenn Platz ist. Aber ich merke mir den einen Autofahrer, der mich spiegelstreifend knapp überholt, dann nach rechts zieht und mich auch noch ausbremst, um mich zu bestrafen. Ein Depp! Und solche Deppen bestimmen dann meine Gefühle. 


Die meisten Radler fahren nicht auf verbotenen Gehwegen, lassen Fußgänger Zebrastreifen überqueren und geben ihnen Vorrang, auch dort, wo sie ihn gar nicht haben, aber der Fußgänger skandalisiert den einen Radler, der ihn am Zebrastreifen "fast über den Haufen gefahren" hätte. Ja, es gibt solche Idioten. 

Unter Radlern und Autofahrern wird der Stellungskampf auf den Straßen allerdings höchst emotional ausgetragen, mit viel Wut, viel Vorwurf, zuweilen sogar Hass. Eine Gruppe kommt bei der allgemeinen Aufregung übereinander aber weitgehend ungeschoren davon: Das sind die Fußgänger. Manchmal schimpfen wir, wenn sie ins Handy vertieft auf einem Radweg laufen oder über die Straße schusseln, aber es fühlt sich niemand von ihnen bedroht. Fußgänger machen auch - anders als Radler -  niemandem ein schlechtes Gewissen wegen ihrer umweltfreundlichen Art, sich fortzubewegen. Was auch daran liegen mag, dass wir alle immer auch Fußgänger sind, sobald wir aus dem Auto ausgestiegen sind und unser Ziel ansteuern. 

Es sind also meistens die paar Doofen, über die wir uns über die Maßen aufregen. Und die werden dann dazu benutzt, eine  ganze Gruppe zu verunglimpfen. Wobei die Mehrheitsverhältnisse auch Machtverhältnisse sind. Solange mehr Autos auf unseren Straßen fahren als Räder, fühlen sich die Radler an den Rand gedrängt und nicht ernst genommen, und etliche Autofahrer (nicht alle) fahren mit dem Gefühl, Radler dürften sie nicht ausbremsen. 

An manchen Stellen sieht man allerdings mehr Autofahrer, Fußgänger oder Radfahrer Regelverstöße begehen als an anderen Stellen. Bei den Autofahrern ist das in Stuttgart beispielsweise der Botnanger Sattel, wo sie mehrheitlich die Linksabbieger auf der Radspur überholen, oder die Hofener Straße, die sonntags gesperrt ist, und wo jetzt ein Wachdienst stehen muss, der die Sperre durchsetzt. Bei den Radlern ist es beispielsweise die Radler-Ampel am Tagblattturm, deren lange Rotphase höchst regelwidrig umschifft wird. Wobei die Autos auch regelwidrig links abbiegen und Fußgänger keine Fußgängerüberwege beachten. Und Fußgänger laufen beispielsweise in Massen den für sie verbotenen provisorischen Radweg am Ladtag entlang. 


Es gibt also durchaus Stellen, wo die Organisation des Straßen-, Fahrrad- und Fußgängerverkehrs so schlecht ist, dass Verkehrsteilnehmer in größeren Mengen die Regeln verletzen, die ihnen nicht einleuchten oder die sie als unzumutbarer Behinderung oder Einschränkung empfinden. Eigentlich sollte man sie dann ändern. Ich neige übrigens dazu - denn ich bin Radfahrerin und Fußgängerin und als Autofahrerin sehr gelassen - zu sagen, dass Fußgängerwege und Radwege vordringlich so organisiert werden sollten, dass wir sehr viel weniger in Versuchung geraten, die Regeln als lästig und vernachlässigbar zu empfinden, während der Autoverkehr durchaus noch stärker diszipliniert werden könnte, etwa beim Parken auf Gehwegen und Radwegen, beim Durchrauschen durch Anliegerstraße oder für den Kraftverkehr gesperrte Feldwege, beim Missachten von Einfahrtverboten, beim zu schnell Fahren und beim Posen (also lärmend durch die Stadt dröhnen und heulen). 

Dass ich das so sehe, mag ungerecht erscheinen. Allerdings müssen wir uns klar machen, dass in Stuttgart (aber nicht nur hier) die Autofahrenden bisher immer im Vorteil waren, weil vordringlich ihre Wege ausgebaut wurden. Für Straßenbau werden selbstverständlich Unsummen ausgegeben, aber kostet ein Radweg mal eine Million, wird das als zu teuer empfunden. Zur Disziplinierung von Autofahrern muss die Stadt auf Kosten von uns Steuerzahler/innen Poller aufstellen, Sperren einrichten, die Sperren sogar bewachen, Beamte einstellen, die durch die Straßen laufen, um Parkverstöße aufzuschreiben, es müssen Mooswände gebaut, die Straßen mit unglaublichem Lärm nachts abgewaschen werden und so weiter. Wir bezahlen alle sehr viel für den Autoverkehr, auch wenn wir selber gar nicht Auto fahren. Da herrscht schon ein gesellschaftliches und finanzielles Ungleichgewicht zugunsten des Autos, das es erst einmal zugunsten anderer Verkehrsarten wie Radfahren oder zu Fuß Gehen ausgeglichen werden müsste.

Eigentlich sollten wir also weniger dramatisieren, nicht von Idioten und Deppen auf alle hochrechnen und insgesamt mehr nach Ausgleich der Interessen streben. Und nicht mit Hass aufeinander unterwegs sein, sondern mit Verständnis. Es könnte so einfach sein.

Kommentare:

  1. Ein gutes und richtiges Ansinnen.
    Die oben gezeigte Schwabschule möchte ich jedoch als Anlass nehmen, die eigentliche Problematik nochmal darzulegen:

    Ja es gibt sie, die optimistischen Verkehrsteilnehmer, die besonnen ein freundliches Mitaneinander pflegen möchten und dabei auf nachhaltige Verkehrsmittel zurückgreifen.

    Leider werden diese Menschen durch fatale Verkehrsplanungen kriminalisiert und systematisch von ihrem ursprünglichen Vorhaben abgebracht.

    In der Schwabschule gab es vor einigen Jahren einen Brandbrief gegen die Nutzung des Fahrrads auf dem Schulweg. Die darin vorgebrachte und unverantwortliche Panikmache blieb bis heute unwidersprochen. Für die (trotzdem) hohe Zahl an Kinderfahrrädern und -rollern gibt weiterhin keine angemessene Infrastruktur. Bei schönem Wetter bildet sich ein Fahrrad-Roller-Knäuel, über das sich alle trefflich aufregen können.

    So lernen die Kinder von Anfang an, wo der Hase lang läuft. Wenn ich keine Radler in der Stadt haben wollte, würde ich es genau so machen.

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    1. Lieber Anonymus, ich glaube, es bist du, der immer wieder anführt, dass es in Schulen diese Aufforderung gab oder gibt, Kinder nicht mit dem Fahrrad zur Schule zu schicken. Eltern haben aber auch die Möglichkeit, mit der Schulleitung zu reden und Radabstellanlagen zu verlangen. Wie du an meinem Blog siehst, erfordert es schon Engagement für die eigenen Interessen in einer Stadtgesellschaft, die bisher und in weiten Teilen immer noch, nur in Auto-Kategorien denken kann. Wobei wir selbst unsere Poliitkerinnen und Politiker etwa des Gemeinderats auffordern und dazu drängen müssen, mehr Geld und mehr Personal für die Radpolitik bereitzustellen und Radverkehrskonzepte für Schulkinder zu entwickeln. Wenn wir still bleiben, tut sich nichts. Veränderungen in einer Stadt müssen von den Stadtbüger/innen angestoßen und eingefordert werden.

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    2. Hier in Connewitz wird auch konsequent mit sechsjährigen Kindern auf der Straße geradelt, vorrangig in Tempo-30-Zonen, aber auch mal die Karli entlang. Die Schulen sind alle mit dabei beim Stadtradeln (am 1. September sogar mit einem Critical Mass der Schulen). Die Stadt teilt nach den Sommerferien immer Pläne des Kiezes aus, auf denen man Schulweg und Verkehrsmittel eintragen soll, nach diesen Plänen werden dann Lotsen aufgestellt.

      Nur De Maiziére gefällt das nicht: "So etwas, was es in Connewitz in Leipzig gibt, kann man nicht hinnehmen. Wenn das einmal eingerissen ist, ist das nicht so leicht wieder zu lösen."

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    3. @Mattias: War dieses Zitat von De Maiziére wirklich im Kontext von fahrradfahrenden Kindern gefallen?

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  2. Vollkommen richtig, es gibt immer ein paar Vollpfosten. Wenn ich mich irgendwo fortbewegt habe, dann merke ich mir bestimmt den einen Vorfall bei dem es eben nicht so rund lief und all die zig anderen Begegnungen verblassen mit der Zeit.

    Jedoch sehe ich das Problem vielmehr im grundsätzlichen Miteinander unserer Gesellschaft: es gibt immer mehr egoistisch agierende Mitmenschen und deren Verhalten wird zudem durch teils vollkommen weltfremde Planung der Infrastruktur begünstigt:
    ob es nun der Autofahrer ist welcher sich ohne gut sichtbare Hinweise vor den Schranken der Hofener Straße befindet,
    der Radfahrer welcher kurz zuvor auf einem passablen Abschnitt einer Hauptradroute unterwegs war, wird abrupt in eine freigegeben Fußgängerzone geleitet
    oder eben der Erreichung von Fahrradinfrastruktur in zwar begünstigten Bereichen, welche aber ebenso auf einer favorisieren Achse von Fußgänger liegen.

    Wenn man den Menschen Möglichkeiten anbietet, werden diese auch über kurz oder lang genutzt.
    Will man manche davon ausschießen, muss man wohl ober über dafür Sorge tragen - teils mit erheblichen Aufwand/Kosten - das dies unterbunden wird oder eben von Anfang an gewisse Optionen und sich daraus ergebene Möglichkeiten schon in der Planung ausschließen ;-)

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