21. August 2017

Abkürzungen haben fast immer zwei Spuren

Wie viel Umweg nehmen Leute in Kauf, die mit Muskelkraft unterwegs sind - Fußgänger und Radfahrer?

Dafür gibt es sogar eine Formel, die der Physiker Dirk Helbig beim Blick von seinem Fenster auf den Stuttgarter Uni-Campus entwickelt hat. Allerdings für Fußgänger und ihre Trampelpfade.

Er hat sich nämlich gewundert, dass Menschen selbst kleine Ecken um wenige Meter abkürzen. Seine Formal lautet: Menschen sind bereit, bis 25 Prozent Umweg in Kauf zu nehmen. Ist der Umweg sichtlich länger, kürzen sie ab, egal wir kur der Umweg eigentlich ist. Radfahrer kürzen auch gern ab. Die meisten Abkürzungen sieht man nicht, denn sie geschehen über Gehwegecken oder Gehwege oder einen linksseitigen Radweg/Radspur als Geisterradler.

Aber manche sieht man. Zum Beispiel den auf dem Foto oben. Auf dieser Spur kürz man als Radler den barrierefreien Weg ab, der die Treppe weitläufig um geht, und landet gleich auf der Straße, auf die man will. Er liegt in Degerloch am Übergang von der Löffelstraße zur Bodelschwingstraße Richtung Sonnenberg. 

Auf der Collage sieht man orange den Umweg und dunkelgrün die Abkürzungen, wobei die Rechte sich gerade bildet, weshalb das Gras dort nur plattgefahren ist, aber noch nicht weggefahren. 

Gleich drei Abkürzungen haben sich hier gebildet, unterhalb der Rampe von der König-Karls-Brücke zum Wasen. Alle, die hier am Neckar entlang Richtung Untertürkheim radeln wollen, müssen eigentlich eine S-Kurve radeln, was den Schwung bremst. Eine Auffälligkeit sieht man hier schon ganz deutliche. 
Bei Radler-Abkürzungen gibt es übrigens meistens zwei Spuren, eine dicke und eine dünne.

Das sieht man hier, bei den Abkürzungen an der Heilbronner Straße, wo es zur Brücke über den Nordbahnhof Richtung Seifriedscher Garten hoch geht. Radler müssen hier eine ausladende S-Kurve bewältigen, rauf wie runter. Hier hat ich nebend er Hauptrinne eine zweite gebildet. Die zweite Abkürzung (auf dem Foto rechts unten), umgeht eine weniger schwierige Stelle, aber dennoch ist sie da. 

Vermutlich gibt es bei allen viel befahrahnen Abkürzungen über Erde und Gras immer zwei Spuren, eine Haupt- und eine Nebenspur. Denn die erste Spur wird immer tiefer. Erscheint sie zu tief, fahren die ersten Radler daneben und gravieren eine zweite Spur.  Falls jemand eine andere Erklärung dafür hat ... nur zu. Ich bin gespannt. 

Dirk Helbig, der Physiker, wundert sich übrigens bis heute, dass Stadtplaner nicht auf die Spuren der Fußgänger/innen achten, sondern Wege irgendwie anders planen, rechtwinklig und voller Umwege. Für Radfahrer sind oft die Treppen das Hindernis, die in Degerloch und an der Heilbronner Straße den direkten Weg darstellen. Rampen für Rollstühle dürfen keine größere Neigung als sechs Prozent haben, weshalb sie lang sind und S-förmig verlaufen. Haarnadelkurven, auch noch in S-Form sind für Radfahrer aber nichts.

Ehe man anfängt, auf die natürlichen Kurvenbwegungen von Radlern zu achten, fängt man vielleicht schon mal damit man an, Fußwege fußgängergemäß zu verlegen. Und dann ... Dann sind wir mal dran, eines fernen Tages. 

Ich würde diese Abkürzungen hier übrigens in kleine Radwege verwandeln und asphaltieren oder mit Platten belegen. Radlern was Gutes tun und ihnen zeigen, dass man sie versteht. Die Dankbarkeit wäre enorm. Aber ich wieder ... gell. 







Kommentare:

  1. Klasse Beitrag, danke. Schön auch die Beschreibung, wie die Formel entstanden sein soll xD
    Eine banaler Grund für die Mehrzahl der Spuren könnte sein, dass Radfahrer auch gern mal zu zweit oder in Gruppen unterwegs sind. Sobald es der Platz erlaubt, fährt man eben parallel den Weg. Geht eben auch schneller, so wie die Abkürzung ;)
    Das würde auch erklären, weshalb eine die Hauptspur ist. Sie ist dann vermutlich die Ideallinie.

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  2. Eine Anekdote zu diesem Thema:
    Beim Bau eines landeseigenen Geländes in den 50er Jahren hat der zuständige Bauleiter keine Wege geplant und bis über die Inbetriebnahme auch keine bauen lassen. Er wollte sehen, wie die Benutzer laufen und hat nach ein paar Monaten die entstandenen Trampelpfade dann als Wege anlegen lassen. Bis heute gibt es innerhalb des Geländes keine Trampelpfade.
    Gruß
    Karin

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  3. Mein banaler Grund für die zweite (und dritte) Spur ist, dass sich bei Regen die Bahnen in Schlammspuren verwandeln und dann auf eine Abkürzung ausgewichen wird, die bessere Bodenhaftung verspricht bzw. das Rad nicht so einsaut.

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  4. "Dirk Helbig, der Physiker, wundert sich übrigens bis heute, dass Stadtplaner nicht auf die Spuren der Fußgänger/innen achten, sondern Wege irgendwie anders planen, rechtwinklig und voller Umwege."

    Dirk, für Stuttgarter Amtsstuben ist dieses Verhalten Einstellungskriterium.

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    1. Lieber Anonymus, ich finde es nicht gut, wenn du auf Menschen schimpfst, die du nicht kennst, insbesondere, wenn du deinen Namen nicht nennst. Und auf die Stadtverwaltung zu schimpfen, ist ziemlich wohlfeil. Die sind nämlich nur so gut wie der Gemeinderat es von ihnen fordert, und der Gemeinderat ist so gut wie die Leute, die ihn wählen. Und was er tut hängt auch stark von der Stadtgesellschaft ab, von Menschen, die Veränderungen einfordern und bei Planungen von Parkanlagen mitreden oder eben nicht. Für unsere Stadt sind wir alle mitverantwortlich.

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