3. Juli 2017

Stresstest auf dem Radweg Holzstraße - das sind die Konflikte

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Am vergangenen Freitagabend haben rund dreißig Radler/innen den Radweg Holzstraße einem Stresstest unterzogen. 

Die Frage war, wie funktioniert er, wenn wirklich viele Radfahrende unterwegs sind, so wie das auf einer Hauptradroute 1 zu erwarten ist. Wie geht das mit den Autos, die queren? In welcher Situation befinden sich die Fußgänger hier? Wo gibt es Konflikte? Wo wird es echt gefährlich? Und wo sind die Hindernisse für Radfahrende, diesen Weg überhaupt zu benutzen? Eine konfliktträchtiges Begegnungs-Areal, wie auch das dieses neue Video zeigt.

Rückblick: Der Umbau des Dorotheenviertels hat uns eine Fahrradstraße weggenommen. Sie ist jetzt Fußgängerzone mit Radfreigabe, was Schrittgeschwindigkeit bedeutet. Geht, wenn nicht im Durchfahrtmodus als Radpendler unterwegs ist. Die Hauptradroute 1 führt jetzt und künftig an der B14/10 entlang, also über die Holzstraße. Vormittags und Mittags herrscht auf dem Radweg reichlich Autoverkehr, wie dieses Video zeigt.
Ursprünglich geplant war ein breiter Zweirichtungsradweg auf einer von zwei Fahrbahnspuren der Holzstraße. Ob das so kommt, ist noch nicht gewiss. Nach Provisorium sieht allerdings der Radweg auf dem Gehwegbereich nicht aus. Er ist gegenüber vorher zudem eine Verschlechterung: Denn er ist plötzlich winkelig (von Kurven kann man da nicht reden) und es kreuzen ihn drei Ein- und Ausfahrten für Autos. Vorher war es nur die Ausfahrt Dorotheenstraße, gefährlich genug! Breuninger hat, weil bereits einige Radfahrende hier fast von Autos umgefahren worden wären (zweie kenne ich, die mir erzählt haben, dass ihnen das dort passiert ist) Schilder aufgestellt, dass man vorsichtig sein solle.

Ich habe am vergangenen Donnerstag dort ein Video von den mittäglichen Zuständen gedreht. Es zeigt, welche Menge an Autos den Radweg überqueren, aber auch auf ihm fahren (zur Dorotheenstaße gegen die Einbahnrichtung hinein, dann über den Radweg auf den Fußgängerbereich)   oder wenden. Und wie viele in der Fußgängerzone stehen. Radfahrende sind dort noch eher wenig unterwegs. Erstens, weil die Umgewöhnung dauert, zum zweiten, weil sie wissen, wie hindernisreich der Radweg ist, und zum dritten, weil die Rad-/Fußgängerampel am Charlottenplatz von und zum Landtag (wo künftig die HRR 1 verläuft) sehr, sehr langwierig ist. Wenn man Pech hat, ist man nach einem kompletten Grünumlauf für Autos immer noch nicht drüben. Das dauert etwa drei Minuten.

Ich habe mir dann die Frage gestellt: Wie funktionier dieser Radweg eigentlich, wenn hier mal richtig viele Radler unterwegs sind, so wie das auf der Hauptradroute längs durch Stuttgart zu erwarten ist?Deshalb haben wir diesen Weg einem Stresstest unterzogen, an einem Freitagabend, wo der querende und über den Radweg fahrende Autoverkehr deutlich geringer ist, als an einem Wochentag vormittags bis in den frühen Nachmittag.

Von diesem Stresstest habe ich wieder ein Video gedreht. Es knapp fünf Minuten lang, auch weil der Herumstehen an der Ampel so lange dauert. Er zeigt aber auch, dass es für Autofahrer, die ins Parkhaus oder herauswollen, sich die Wartezeiten erheblich verlängern. Wenn diese Tiefgarage erst im Bewusstsein der Autofahrenden angekommen ist und sie richtig viele ansteuern, und wenn gleichzeitig richtig viele Radfahrende auf dem Radweg unterwegs sind, dann wird das zur Nervenprobe für Autofahrende, aber auch für Radfahrende.

Wenn man sich das Video mehrmals anschaut und mal auf Radler, mal auf Autos, mal auf Fußgänger achtet, sieht man, dass nichts so richtig passt. Die Verkehrsfläche ist konfliktträchtig. Deshalb nach dem Video und vor einem zweiten Anschauen eine kurze erste Analyse.



1. Fußgänger hätten eigentlich Platz. Doch weil der Fußgängerbereich so vollgestellt ist (Motorräder parken da, auch in den Radabstellanlagen, machmal auch kleine Autos, die Warnaufsteller brauchen Platz), gehen die Leute dicht am Radweg entlang. Manche empfinden die beiden weißen Blindenlinien als Leitlinien für ihren Fußweg. Auch deshalb, weil sie ein Autos sehen, dass bis an die Linie herangefahren ist. Ein Ausweichen vor irgendeinem Hindernis in Richtung auf den Radweg liegt nahe. Da fliegen aber die Radler vorbei. Und wenn der Autofahrer den Motor schon mal aufheulen lässt, der aus der Tiefgarage heraus will, dann macht der Fußgänger schon mal einen hastigen Schlenker auf den Radweg. Auf dem Bereich zur Marktstraße hin, gehen auch viele auf dem Radweg, weil sie ihn nicht als solchen erkennen.

2. Die meisten Autofahrer rollen langsam von der Straße oder aus der Tiefgarage an den Radweg heran. Wer von der Straße kommt, hat keinen sonderlich guten Einblick nach rechts in den Radweg, weil da ein Baum ist graue Kästen herumstehen. Schnelle Radler könnten da schon mal zu schnell kommen, um rechtzeitig erkannt zu werden. Einen schnellen Autofahrer sollte es an dieser Stelle nicht geben. Auch keinen, der nicht richtig den Überblick hat.

3. Die Ausfahrt aus der Dorotheenstraße war schon immer gefählich für Radfahrende. Ein Toilettenhäuschen verstellt den Autofahrenden den Blick auf den Radstreifen, wo die Radler kommen. Das ist ein Unfallschwerpunkt für Radfahrende. Unter der Woche fahren hier Unmengen Autos, Busse, Lastwagen, Baufahrzeuge und Lieferanten heraus, wie das Video vom Donnerstag zeigt. An einem Freitagabend lässt das nach. Aber wir sehen im Video auch einen ziemlich flott heranfahren und ziemlich abrupt bremsen, weil Radler queren. Diese Autos stehen dann quer über dem Radweg, wenn sie zur Bordsteinkante vorfahren, um in die Holzstraße einzubiegen.
Und diese Ausfahrt wird auch überraschend häufig von Fahrern von Lieferwagen benutzt, um gegen das Einfahrt-verboten-Schild auf nach links auf den Radweg einzubiegen und auf ihm soweit hinein zu fahren, bis sie die Fußgängerzone ansteuern können. (Einen habe ich am Freitagabend gefilmt, weil er mich von hinten fast umgefahren hätte (ein Auto steht da auch bereits schon und parkt), für einen weiteren hatte ich die Kamera zu spät startklar.)

Es zeigt sich, dass diese drei Ein- und Ausfahrten drei Breschen in den Radweg und den Fußgängerbereich geschlagen haben, die Autofahrende exzessiv nutzen, um auch rechts und links über den Radweg abzubiegen und im Fußgängerbereich aufzustellen. 

4. Dass eine Hauptradroute 1 tatsächlich komplett unterbrochen wird, ist eigentlich nicht Sinn einer Hauptradroute, die zügiges Vorankommen ermöglichen sollte. Aber Radler fahren am Charlottenplatz durch den Aufstellplatz für Fußgänger. Und die laufen auch lieber über den Radstreifen als am Haus entlang.

5. Die Ampel am Charlottenplatz ist alles andere als radfreundlich. Für die Gehgeschwindigkeit von Fußgängern mag sie taugen (obgleich im Video zwei Fußgänger dann doch lieber gleich bei Rot weitergehen), aber für Radfahrende ist sie en echtes Hindernis. Und zwar ein so großes, dass diese Strecke nie als Hauptradroute funktionieren wird (Radfahrende fahren dann woanders lang), wenn sie nicht die Chance haben, in einem Zug hinüber zu kommen. Das Video zeigt drei Radler, die bei Grün nicht die ersten zwei Züge schaffen. Sie stehen auf der schmalen Verkehrsinsel fast so lange, wie ein ganzer Grünumlauf für Autos dauert, bevor sie Grün kriegen. Dann sind sie aber immer noch nicht drüben. Sie müssen vielmehr an der letzten Ampel wieder warten. Inzwischen hat ein neuer Grünumlauf für Autos begonnen, und diejenigen Radler, die an der Ecke IfA Grün bekommen haben, schließen auf sie auf. Erst dann bekommen die drei Radler der ersten Grünphase Grün. Sie halten sich damit ungefähr anderthalb Grünumläufe für Autos auf diesem Überweg auf.

6. Die Alternative zu diesem Hindernis-Radeln ist die Münzstraße. Sie war bisher Fahrradstraße. Radler konnten in ihrem Tempo durchrollen, auch wenn Fußgänger oft blicklos querten, weil sie nicht erkannt haben, dass diese eine Fahrradstraße ist. Eigentlich finde ich es besser, diesen Bereich zu einer Fußgängerzone zu machen. Das verringert das Revierverhalten von Radfahrenden und mindert die Konflikte. Allerdings bedeutet Fußgängerzone mit Radfreigabe eben für Radfahrende, dass sie Schrittgeschwindigkeit fahren müssen. Deshalb habe ich im Video mal gezeigt, wie Schrittgeschwindigkeit für Radfahrende aussieht.

7. Die Beschilderung dieses Bereichs ist übrigens derzeit so, dass alle irgendwie Rechtsverstöße begehen müssen. Vor allem Autofahrer. Denn weder unten durch die Markstraße dürfen sie reinfahren (noch die Münzgasse Richtung Karlsplatz durchfahren (Einbahnstraßen-Einfahrt-verboten-Schilder), denn die Marktstraße am Marktplatz ist als Fahrradstraße ohne Ausnahmeregelung ausgewiesen. Noch dürfen sie vom Karlsplatz in die Fußängerzone Münzstraße hineinfahren, denn auch hier sind keinerlei Ausnahmeregelungen ausgeschildert. Das beudeutet, dass die Taxifahrer ihren Stand am Marktplatz nur anfahren können, wenn sie die Verkehrsregeln missachten.
Von Marktplatz her ist die Münzstraße für Radfahrende eine Einbahnstraße, die sie in Gegenrichtung befahren dürfen. Fußgerzonenschilder fehlen. Vom Karlsplatz her ist sie Fußgängerzone.

Und Nachbemerkung: Auf der Doroteheenstraße steh überdies am linksseitigen Gehweg noch ein blaues Radwegschild, das Radfahrer verpflichtet, dort - also auf dem Gehweg - zu radeln. Falls man es überhaupt sieht, wenn man, wie es natürlich und logisch ist, auf der Dorotheenstraße radelt. Das ist Gaga.

Fazit: Fuß-, Rad- und Autoverkehr sollten nicht dermaßen konfliktträchtig organisiert werden, nicht auf eine Hauptradroute. Autofahrer haben hier das Risiko, einen Radler zu übersehen und zu verletzen. Davor muss auch auch Autofahrende schützen, nicht nur Radfahrer. Radfahrer leiden das Risiko, angefahren zu werden oder einen Fußgänger anzufahren, der den Radweg nicht bemerkt. Fußgänger geraten zwischen Rad- und Autoverkehr und erleben sich immer wieder auch als Störer des Radverkehrs.

Das kann man so nicht lassen, wenn man den Radverkehr in Stuttgart ernst nimmt. Und man sollte es auch nicht so lassen.

Kommentare:

  1. "Das kann man so nicht lassen, wenn man den Radverkehr in Stuttgart ernst nimmt. Und man sollte es auch nicht so lassen. Denn" ...
    Da bricht der Text einfach ab

    Liebe Grüße
    Thijs

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  2. 😊 Dann mach ich das "denn" doch einfach weg. Danke für den Hinweis.

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  3. zu Punkt 2: Sichtbehindernd ist nicht nur der Baum und der Verteiler. Dort ist auch eine Bushaltestelle an der auch ein Fahrerwechsel stattfindet, also Busse (nicht nur einer, ich habe dort auch schon 2 Busse stehen sehen) die die Sicht des Autofahrers auf den Radweg verhindern. Bei 2 Bussen kann das schon ab der Dorotheenstr. sein. Einen Beinaheunfall zwischen einem anfahrenden Bus und einem Rechtsabbieger in die TG sah ich auch schon. Was meint denn die SSB zu dieser Situation?

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    1. Verstehe ich jetzt leider nicht ganz. Die Holzstraße kann man nur ein eine Richtung befahren. Die Einfahrten zum Parkhaus und der Anlieferung liegen hinter der Bushaltestelle. Autos müssen erst vollständig eingebogen sein, bevor sie überhaupt auf den Radweg sehen können (behindert am Parkhaus durch Baum und Verteiler.) Aber vielleicht sprichst du ja von einer anderen Situation, die nur gerade nicht kapiere. Wenn Autos selber sich behindern, ist mir das hier erst einmal egal. Die SSB müsstest du selber fragen, was sie meint. Ich vermute mal, dass die Situation nach Ende aller Baustellen noch mal bedacht wird.

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    2. Vielleicht macht es das Bild deutlicher. Erst auf den letzten Metern hat der Autofahrer Sicht auf den Radweg (zusätzlich von Baum und Verteilerkasten behindert) https://t.co/YtAP1IJ2bf

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  4. Ich finde die Aktion gut, danke an alle die mitgemacht haben. Das Video dokumentiert die Probleme gut, und die Analyse der Probleme im Artikel triffts genau. Gut gemacht, @Christine.

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  5. Bin mal gespannt wie sich das entwickeln wird. Fakt ist ja der Stresstest zeigt Handlungsbedarf.

    Entweder passiert wieder mal nichts und es muss erst etwas fatales passieren, bevor man sich dazu entschließt von offizieller Seite aus das Problem zu überdenken und dann alles mit weiteren Schildern zupflastert oder die Radler werden sich neue Wege suchen/bevorzugen.
    Glücklicherweise werden die genauen Nutzungsregeln ja ebenso minimalistisch kontrolliert, wie vorbildlichen Falschparker in diversen Zonen Stuttgarts.

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