8. Juni 2017

Wenn der Dienstwagen Teil des Gehalts ist ...

Radfahrer sind Arschlöcher. Sagt einer, der es wissen muss, ein Wiener Autofahrer. Einer, der seine täglichen zwei Kilometer zur Arbeit im Auto zurücklegt und findet, dass Radfahrer ihn nur aufhalten. 

Das erzählt Mathias Winterer in der Wiener Zeitung und kommt ins Nachdenken. Was für eine aus der Zeit gefallene Geisteshaltung. 

Er resümiert: "Zu sehr haben wir uns an die Blechlawine gewöhnt. (...) Zu lange ignorierte die Politik das Problem. (...) Schon zu lange ist unsere komplette Wirtschaft von der Autoindustrie abhängig – direkt oder indirekt. Und das ist das wahre Problem. Die Geisteshaltung des Manns am Würstelstand soll gar nicht aussterben. Auch wenn sie in einer aufgeklärten, urbanen Welt ziemlich anachronistisch wirkt. Sie wird gebraucht. Noch!"

Kommt uns hier in Stuttgart vertraut vor? Wie ich kürzlich auf meinem Fahrrad saß und wartete, kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Er würde auch gern Fahrrad fahren, vor allem zur Arbeit, erzählt er mir. Aber er arbeite bei Daimler und habe einen Dienstwagen. 
Na und?
Den dürfe er nicht länger als drei Tage bei sich daheim stehen lassen. Dann müsse er ihn wieder auf den Daimler-Parkplatz fahren. (Dienstwagen sollen ja nicht von den Ehefrauen fürs Einkaufen oder gar gewerbsmäßige Fahrten missbraucht werden.) Er wolle sich da keinen Nachteil einhandeln, falls das jemand kontrolliere. Also sei er auch bei Feinstaubalarm ständig mit dem Auto zur Arbeit gefahren, eine halbe Stunde Stau, manchmal sogar mehr, auf den paar Kilometern, wo er mit dem Fahrrad höchstens zehn Minuten brauchen würde. 
Aber er könne den Dienstwagen doch auf dem Daimlerparkplatz stehen lassen und mit dem Rad nachhause und anderntags wieder zur Arbeit fahren, schlage ich vor. Ja, aber dann habe er das Auto daheim nicht für den Großeinkauf, einmal die Woche und für andere, auch mal weitere Fahrten. 
Aber warum behalte der den Dienstwagen überhaupt, fragte ich ihn. Weil Dienstwagen bei Daimler Teil des Gehalts seien, erklärt er mir. Früher, da hätte man sich den Dienstwagen auch als Gehalt auszahlen lassen können, aber jetzt nicht mehr. 

Interessant.  

Kommentare:

  1. Sehr, sehr interessant. :-)) Man erkennt in diesem Phänomen die "Leitkultur" der "marktkonformen Demokratie".

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  2. Und den Dienstwagen versteuert er brav als geldwerten Vorteil...

    Wenn er nachrechnet, wäre er wahrscheinlich mit einer alten B-Klasse (riesengroßer Kofferraum und sehr günstig zu haben) mit Benziner für die wenigen nötigen Fahrten (Baumarkt, Wocheneinkauf) günstiger dran, als jeden Monat 200€ Steuern für den Dienstwagen zu zahlen (eine C-Klasse mit ein wenig Ausstattung kostet Liste schnell 45000€).

    Die Ingenieure von Porsche, die hier im Viertel wohnen, fahren oft Macan oder Panamera, haben aber eine ganz massive Motivation, dass die Autos oft die ganze Woche nicht bewegt werden: Sie können alle 12 Monate ein Auto mit Mitarbeiter-Rabatt günstig kaufen und günstig finanzieren. Mit wenigen Kilometern lässt es sich nach diesem einen Jahr teurer wieder verkaufen.

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  3. Nur alle 12? Die Daimler-Mitarbeiter bei mir im Haus können alle 9 Monate ein neues Auto haben. Und machen die meisten auch.

    Aber wenn das wahr ist mit dem Dienstwagen (Teil des Gehalts, nicht ein vergünstigtes Mitarbeiterauto) stimmt das mit dem fahrradfreundlichen Daimler nicht mehr so. http://dasfahrradblog.blogspot.de/2015/11/fahrradfreundliche-unternehmen-eine.html

    War wohl eine PR-Maßnahme.

    Martin

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    1. Der Post ist zwei Jahre alt. Daimler bietet ja in der Tat reichlich Fahrradparkplätze an. Wobei wir ja auch schon herausbekommen haben, dass ein Pedelec-Fahrer nicht recht weiß, wo er seinen Akku aufladen soll, und dass zum Teil die Wege vom Fahrradparkplatz zum Büro viel weiter sind als die von den Autoparkplätzen. Ohne Zweifel setzen die Autokonzerne, Porsche und Daimler, immer noch auf Auto fahrende Mitarbeiter, denn sie fordern und bauen überall riesige Parkplätze und Parkhäuser.

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    2. Sorry, mit PR-Maßnahme meinte ich nicht deinen Beitrag, sondern den im Daimler-Blog. Meiner Meinung nach reine Öffentlichkeitsarbeit ohne wesentlichen Background.

      Martin

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    3. Frau Lehmann,E-Bike Akku laden beim Arbeitgeber ist ein geldwerter Vorteil, welcher versteuert werden muss. Sollte man den Strom selbst bezahlen, müsste dazu erst mal das Equipment bereit gestellt werden. Wer trägt die Kosten? Gibt es für jedes E-Bike das gleiche Ladesystem? Wird der Akku am Bike geladen? Wird er entnommen, wie wird er vor Diebstahl geschützt? Also ich finde, sie machen sich das hier im Blog ein wenig zu einfach!

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    4. Ernsthaft? Geldwerter Vorteil? Finde ich schon recht kleinlich, wenn ich dem Diagnosebericht meines Akkus glauben darf benötigt mein Rad 68 kWh oder 12 Euro pro 10.000km. Bei der üblichen Pendlerstrecke die man auch mit dem Fahrrad bereit ist zurückzulegen ergeben sich keine nennenswerten Beträge. Aber ja, genau genommen darf man nicht mal ein Handy am Arbeitsplatz nachladen ohne es zu versteuern. 🤔

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    5. Sehr geehrte/r Anonym, die Fragen, die sie hier aufwerfen, können alle gelöst werden. Wenn man nur will. Zum Konzern mit dem Stern gehört die Marke Smart. Und es gab für 3 Jahre von dieser Marke E-Bikes. Wenn man jetzt gewollt hätte, ... hätte, hätte, Fahrradkette. Wobei hier eher Zahnriemen.

      Streng genommen ist auch das private Surfen am Arbeitsplatz und ähnliches ebenfalls ein geldwerter Vorteil. Hier hat man auch Lösungen gefunden.

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  4. Ich weiß nicht wie ihr Dienstwagen rechnet, aber Fakt ist man muss 1% vom Listenneupreis versteuern. Macht bei 45.000 Euro 450 Euro tatsächlich ist der zu zahlende betrag abhängig von der individuellen Steuerklasse. Angenommen 30% Einkommenssteuer, dann kostet der Wagen 135 Euro im Monat inkl. Benzin und Reparaturen. Zudem gibt es keine Vorschrift wie das Auto genutzt werden muss, denn dazu wird ja der geldwerte Vorteil versteuert. Ich lasse meinen Dienstwagen ständig stehen, wenn ich ihn nicht benötige und bevorzuge Fahrrad oder laufe zu Fuß. Grüße Michael

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    1. Ich habe unterstellt, dass der Dienstwagenanteil (hier immerhin 5400€/Jahr zumindest teilweise mit dem Spitzensteuersatz und nicht mit dem Durchschnittssteuersatz angesetzt wird (Steuerprogression und so).

      Wer seinen Dienstwagen wenig privat nutzt, hat immerhin die Möglichkeit, statt pauschal 1% zu versteuern, Fahrtenbuch zu führen und die tatsächlichen Kosten anteilig umzulegen (das geht zumindest bei Selbständigen und Freiberuflern).

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  5. Mir scheint, entscheidend ist, ob ein Mitarbeiter der Autofirma die Wahl hat, einen Dienstwagen als Teil des Gehalts (das versteuert werden muss) zu erhalten oder aber sich das Gehalt auszahlen zu lassen. Ein Auto ist immer teurer als jedes andere Verkehrsmittel. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die ganze Gesellschaft. Autofahrer verlangen Straßen, damit sie schön fahren können. Die aber können wir in Stuttgart nicht mehr bieten. Für die Bequemlichkeit bei Radiomusik im Warmen ins Geschäft zu fahren, zahlen Autofahrer mit viel Zeit, die sie dafür brauchen. Ist uns hier im Blog ja bekannt. Ich bin sehr für Wahlfreiheit. Und deshalb müssen Leute, die Radfahren wollen, auch die Wahl treffen können, dies zu tun. Die Stadt muss eine deutlich bessere Infrastruktur fürs Radfahren herstellen, dann entdecken viel mehr, dass Radfahren deutlich bequemer ist und dass es mit dem Fahrrad schneller geht.

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  6. Falscher Arbeitgeber? Bei meinem kann man Dienstfahrräder über jobrad.org leasen, 1% von einem schicken Bike versteuern sich viel besser als 1% von einem Daimler 8-).

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  7. Lieber Anonymus, eine Akkuladung kostet 10 Cent. Die meisten Arbeigeber sagen auch nichts, wenn man sein Handy sufläd. Der gelderte Vortril rines Firmenpakplstze dürfte ca. 8 Eiro pro Tag betragen. Das müsdte man auch versteuern.

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    1. Gewerblicher Strom kostet derzeit für Unternehmen mit mittlerem Verbrauch (>20 Mitarbeiter oder so) um die 3,5 Cent/kWh. Eine Vollladung eines 500Wh Akkus (für den Fall dass der Mitarbeiter eine sehr weite Anreise mit dem Bike nicht scheut) kostet denn Arbeitgeber 1,75 Cent. Oder bei 200 Arbeitstagen im Jahr 3,50 Euro. Nur den Mitarbeiter der täglich so weit mit dem Fahrrad fährt das er pro Weg den Akku komplett leer macht und ihn gleich ersetzt wenn dieser beginnt an Kapazität zu verlieren gibt es wohl nur in der Theorie.

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  8. Ist es wirklich noch so, dass Ladestrom fürs Pedelec als geldwerter Vorteil versteuert wird? Für Elektro-PKW ist das doch mittlerweile gesetzlich geregelt. Ich kenne die Details für Pedelecs leider nicht, würde aber den Analogieschluss ziehen, dass man den Ladestrom fürs Rad nicht versteuern muss, wenn er beim E-PKW steuerlich freigestellt ist. http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Gesetzestexte/Gesetze_Verordnungen/2016-11-16-G-stl-Foerderung-Elektromobilitaet.html

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    1. Den Schluss würde ich auch ziehen, zumal es sich beim Ladestrom für Pedelecs um Cent-Beträge handelt.

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