16. Januar 2017

Radfahren macht lächeln

Das Wetter ist garstig. Trotzdem steige ich lieber aufs Fahrrad als ins Auto. 

Viele können sich nicht vorstellen, im Winter zu radeln. Es ist kalt. Die Finger frieren. Der Wind bläst einem kalt ins Gesicht. Jetzt anfangen damit? Nein, lieber bis zum Sommer warten.

Nein, nicht warten, jetzt anfangen! Man gewöhnt sich schnell dran. Und es schlägt allemal die Parkplatzsuche, das Füttern von Parkscheinautomaten, das Tappen durch Parkhäuser. Radfahren macht viel bessere Laune als Autofahren.

Zum Feinstaubalarm einfach mal ausprobieren. Strecken unter 6 km legt man, allemal zur Hauptverkehrszeit, mit dem Rad schneller zurück als mit dem Auto. Und zwar von Tür zu Tür.  Nach zwei bis drei Wochen wird das Radeln zur Arbeit zur geschätzten Gewohnheit.
Wir stellen auch schnell fest, wie leicht es ist, auf dem Heimweg noch was einzukaufen. Wie lustig es ist, am Stau vorbei zu fahren. Wie schön der Schlossgarten ist. Wie viele Menschen bereits mit dem Fahrrad fahren. Wie viele und welche Wege wir für unser Fahrrad haben und welcher gut und welcher nicht so gut ist. Wir fangen an, uns auszukennen. Wir sind zufrieden.

Dann kommt der erste Regentag. Und jetzt zurück ins Auto? Die meisten werden dazu gar keine Lust haben. Ich fahre inzwischen durchaus gern bei Regen. Man kann auch bei Regen trocken ankommen. Regenklamotten kosten zwar auch Geld, aber Autofahren kostet auch Geld, und meistens mehr. Und man muss die für sich selbst geeignete Variante finden. Oder man nimmt an diesen Tagen halt dann doch das Auto. Es ist nicht wichtig, aus dem Radeln zur Arbeit ein Prinzip zu machen. Es reicht schon, wenn wir öfter mal das Auto stehen lassen und das Rad nehmen.

Eine besondere Motivation braucht man dazu eigentlich nicht, habe ich festgestellt. Radfahren ist keine Strafe, sondern eher ein Genuss und in Stautstädten ein enormer Zeitgewinn. Man spart sich Stau- und Parkplatzsuchstress. Dieser Artikel "Sieben Tipps ..." des Fahrradblogs Shut Up Legs ist eher etwas für Rennradfahrer, weniger für Pedelcradler. Ich finde, man muss sich für eine Fahrt mit dem Fahrrad nicht aufrüsten, auch nicht besonders einkleiden, keine Blinklichter anhängen und keine Überlebenskits mitnehmen.

Man muss sich auch nicht für jede Fahrt mit den Rad zur Arbeit belohnen. Wenn man für die Radfahrt zur Arbeit den eigenen Schweinehund überwinden muss (weil der Hinweg oder Rückweg sausteil ist, zum Beispiel), dann sollte man über den Erwerb eines E-Rads nachdenken. Oder die Idee wieder aufgeben, mit dem Rad zu fahren. Es muss ja niemand.

Hier ein paar Tipps von mir:
  • Der Weg: An einem Sonntag den Weg zur Arbeit mal abradeln, damit man weiß, wie lange man braucht und wo es Komplikationen gibt. Dann ist auch sichergestellt, dass das Fahrrad funktionstüchtig ist. Auf dem Heimweg kann man dann ruhig auch mal Alternativrouten ausprobieren. Irgendwann hat man dann seine optimale Route. 
  • Die Zeit: Für die ersten Fahrten ruhig zehn Minuten Zeitpuffer einplanen. Sie werden dann merken, dass Radstrecken zeitlich bis auf zwei Minuten genau planbar sind. Stau und Parkplatzsuche fallen ja weg. 
  • Das Schloss: Am besten sind fest installierte Schließbügel am Hinterrad. Da geht das Abschließen schnell, wenn man nur mal schnell in einen Laden will. Fürs länger stehen lassen bauchen Sie ein gutes Schloss.  Billige Kabelschlösser sind so schlecht wie keine Schlösser.  Im Fahrradladen kann man sich beraten lassen. Übrigens sind E-Räder für Diebe noch nicht so interessant. 
  • Das Gepäck: Nicht mit Rucksack radeln (Schwitzen am Rücken), sondern eine schicke Satteltasche nehmen, die auch regendicht ist. 
  • Die Kleidung: Schuhe anziehen, die auf den Pedalen nicht rutschen. Ansonsten nicht zu warm anziehen. Funktionskleidung ist fürs Radeln zur Arbeit eigentlich nicht notwendig. Es ist auch meistens nicht notwendig, bei Ankunft unter die Dusche zu gehen (bei E-Rad-Fahrten sowieso nicht). Man kann im Anzug radeln oder im Rock, sogar mit kunstvoller Steckfrisur oder in High heels. Man kann Alltagsstrecken radeln, so wie man ist. Gut ist ein Regenschutz für überraschende Wetterwechsel in der Fahrradtasche. 
  • Die Übung: Die ersten Wochen eher langsam und sehr vorausschauend radeln, damit man die geheimen Regeln des realen Straßenverkehrs kennenlernt. (Damit rechnen, dass Autofahrer einen nicht sehen und andere Radfahrer auch nicht.) 
  • Das Licht: Die Beleuchtung muss funktionieren. (Jeder Radladen verkauft LED-Leuchten, die man an Lenker und an ganz leicht den Gepäckträger anbringen kann.) Im Winter radeln wir ja doch auch bei Dunkelheit zur Arbeit und zurück. 
  • Schutzkleidung: Warnwesten sind nicht nötig (Es gibt keinen Nachweis, dass Radler damit besser gesehen werden. Sie erhöhen aber die Aggressivität mancher Autofahrer gegenüber Radfahrern).
  • Der Helm: Ein Helm ist auch keine Voraussetzung fürs Radeln. (Es gibt keinen Nachweis, dass Helme tatsächlich signifikant schützen. Im Einzelfall aber kann man für einen Helm durchaus mal dankbar sein). 
  • Und sich bei Gelegenheit mal mit den Verkehrsregeln für Radfahrer beschäftigen.


Kommentare:

  1. Hallo Christine. Erstmal natürlich vielen Dank dafür das du unseren Blog verfolgst und auch hier verlinkst. Das freut uns natürlich.

    Warum unser Beitrag "ziemlich an der Realität vorbei" sein sollte verstehen wir allerdings nicht.
    Ich finde unsere Ansätze sind sehr ähnlich. Schloss, kein Rucksack, Beleuchtung und Vorausplanung sind alles Dinge, die wir beide als wichtig erachten. Unser Ansatz ist eben etwas sportlicher, daher duschen wir auch gerne vor der Arbeit. Und wer beispielsweise vom Kessel zum Arbeiten nach Vaihingen pendelt, der freut sich über Wechselkleidung.

    Viele Grüße Frank von shutuplegs.de

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  2. Hallo Christine, ausgerechnet gestern die Empfehlung an Neueinsteiger, mit dem Rad zu fahren?! Ich hoffe, das hat keiner probiert. Der/diejenige wird vermutlich nie wieder auf das Rad steigen. Diese Werbung geht nach hinten los.

    Auch ein Indiz: die Stuttgarter Fahrradstreife macht seit Oktober Winterpause. Mir haben sie gesagt, sie wären für die Bedingungen nicht ausgestattet.

    Meine Erfahrungen gestern: ohne Spikes wäre es kriminell geworden. Spaß ist was anderes: Morgens eine geschlossene, glattgefahrene Schneedecke im Schlosspark, nur teilweise bestreut. Und das war noch eine der besser befahrbaren Abschnitte. Ein kunterbuntes Durcheinander an Winterdienst-"Strategien" auf den beiden am stärksten frequentierten Radwegen in Stuttgart, die ja überwiegend Gehwege sind, und nur deshalb überhaupt teilweise geräumt oder gestreut werden (dazu die 5% Radwege mit experimentellem Winterdienst).

    Abends wieder gefrorenes Tauwasser, besonders übel am Radweg entlang der Neckartalstraße. Dort musste ich auf die Straße ausweichen und wurde mindestens 4 mal hinter mir angehupt, weil ich die Autofahrer dadurch auf Tempo 32 runtergebremst habe.

    Ohne anständige Pflege der Radinfrastruktur, vor allem Reinigung und Winterdienst, sind die Aufrufe absurd, an Feinstaubtagen auf das Fahrrad umzusteigen. Da muss man schon sehr hartgesotten sein, sich das anzutun.

    Zeitbedarf: die geringe Schwankung ist richtig, aber nur ohne Reifenpanne. Wenn man einen festen Termin hat, muss man die Zeit erübrigen können, Schlauch zu wechseln oder zu laufen und den entsprechenden Puffer einbauen.

    Kleidung: Meine Erfahrung ist, dass man auch mit Schutzblechen durch den hochgewirbelten Dreck und Staub was abbekommt. Verstärkt bei Nässe, wo einen auch gerne zusätzlich die Autos ein wenig anspritzen. Alltagskleidung ist ok, bei etwas anspruchsvollerer Kleiderordnung im Betrieb sollte man wechseln.
    Zur Warnweste: die ist vielleicht übertrieben, aber irgend was Reflektierendes und Helles sollte man schon an sich dran haben. Mattschwarz getarnte Verkehrsteilnehmer werden auch von anderen Radfahrern im Dunkeln - vor allem bei Nässe - extrem spät gesehen.

    Zum Schloss ein Tipp: Ich nehme für den Weg zur Arbeit in der Regel gar keines mit. Das Gewicht spare ich mir. Am Fahrradständer in der Firma habe ich ein zweites, gutes Schloss, das ich dort hängen lasse. Nachteil ist, dass man unterwegs bei einem Spontaneinkauf o.ä. ein Problem hat.

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    1. Ich bin gestern 35 km durch Stuttgart geradelt, vom Süden in den Norden, und da gab es etliche Abschnitte entlang der Heilbronner Straße, die überhaupt nicht geräumt waren (etwa dort, wo gebaut wird und sich niemand für den Gehwegabschnitt verantwortlich fühlt oder wo keine Häuser stehen). Das finde ich richtig schlecht. Ist ja auch für Fußgänger nicht gut. Die rutschen ja auch, wenn sie einen Fehler machen. Anders als du, sehe ich es aber nicht so, dass man sich beim Radfahren durch die Stadt gegen Schmutz und Spritzwasser schützen muss. Das habe ich nie als Problem erlebt. Und gegen Scherbenschäden an Reifen fahre ich mit entsprechend verdickten Reifen. Reifenpannen gehören auch nicht zu meinen Problemen.

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    2. Vor dem Milaneo wird, wie überall anders auch, der Fussgängerweg geräumt, der Radweg nicht.

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  3. Liebe Christine, zunächst mal wieder herzlichen Dank für deine großartige Arbeit und diesen wichtigen und richtigen Beitrag, der zudem viele ermuntern wird, auch im Winter Rad zu fahren. Ich könnte jetzt vieles noch sagen, beschränke mich aber auf das Fahrradschloss. Erstens stimme ich meinem Vorredner Holger vollkommen zu, dass man im Pendelverkehr das Schloss am Parkplatz des Arbeitgebers deponiert. Und zweitens möchte ich anmerken, dass auch ein billiges und leichtes Schloss i.d.R. völlig ausreichend ist, denn es geht ausschließlich darum, die Passanten nicht in Versuchung zu führen, das Rad einfach mitzunehmen. Kein Schloss - und sei es auch noch so martialisch - hält professionelle Diebe vom Diebstahl ab. Die Panik um das Fahrrad ist ein typisches Phänomen der German Angst und schlicht lächerlich. Um einen Fahrraddiebstahl zu verhindern, sind tausend Dinge wichtiger als ein klobiges Schloss.

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    1. Ich benutze bei Fahrten durch die Stadt beim Abstellen nur ein Felgenschloss. Das habe ich sozusagen immer dabei. Der Klau von der Straße ist bei Pedelecs eh nicht so häufig. Aber es wurde auch schon ein Lastenfahrrad (Pedelec) geklaut. Vermutlich aus einem Hinterhof, wo der Dieb ein bisschen mehr Zeit hat. Diesen Dieben, die gezielt mit Werkzeug losziehen, kann man es ruhig auch ein bisschen schwerer machen. Allerdings, wenn jemand wirklich gut ausgerüstet ist und beim Klauen auch Lärm machen kann, dann nützt alles nichts. Am ehesten in Gefahr, geklaut zu werden, sind stylische, leichte Räder und Marken-Räder für Jugendliche.

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